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Abenteuer Tantramassage-Ausbildung

Foto: Cornelia Hansen

Diesen Text habe ich vor vier Jahren geschrieben, als ich von der Som­merCel­e­bra­tion zurück kam, dem ersten Mod­ul mein­er Tantra­mas­sage-Aus­bil­dung bei Tantra­Con­nec­tion. Er ist sehr per­sön­lich. Es kostet mich Mut, ihn zu veröf­fentlichen, aber ich möchte euch Mut machen. Mut zur Verän­derung:

Je näher das erste Mod­ul mein­er Tantra­mas­sage-Aus­bil­dung rück­te, desto gröss­er wurde der Druck um mich herum. Als hätte sich alles gegen mich ver­schworen. Täglich lan­de­ten neue, drin­gende Auf­gaben auf meinem Tisch, die schein­bar nur ich erledi­gen kon­nte. Ich habe mich immer wieder gefragt, ob ich wirk­lich in dieser Sit­u­a­tion weg fahren kon­nte und durfte. Doch am Ende stieg ich mit einem Kof­fer voller Handtüch­er, Lak­en, Kissen, Schüs­seln, Kan­nen und dem alten Babyfläschchen­wärmer in den Zug Rich­tung „Him­melp­forten“. Als ich abends in der Begrüßungsrunde saß, kon­nte ich es kaum fassen: Ich hat­te es geschafft! Ich hat­te es tat­säch­lich getan. Das, was mir als unerr­e­ich­bar und unmöglich erschien, als ich zum ersten Mal wusste, wie sehr ich es wollte.

Ich habe noch nie inner­halb von ein­er Woche so viel gel­ernt. Und was ich gel­ernt habe, geht weit über die Mas­sagetech­niken hin­aus. Ich werde sich­er nicht den Rest meines Lebens auss­chließlich Tantra-Mas­sagen geben, aber diese Aus­bil­dung ist das Beste, was ich im Moment für mich tun kann, um unab­hängiger zu wer­den und ein Gefühl dafür zu bekom­men, wo meine Stärken liegen. Außer­dem tut sie mir gut und das tut mein­er Fam­i­lie gut. Ich weiß noch nicht, wo mich dieser Weg hin­führen wird, ob ich ther­a­peutisch arbeit­en oder Kurse geben werde oder was auch immer. Aber ich weiß, dass ich Men­schen dabei unter­stützen will, ihre Kör­per­lichkeit anzunehmen und wert zu schätzen. Ich wün­sche meinen Töchtern, dass sie anders aufwach­sen als ich, dass sie ihren Kör­p­er von klein auf ken­nen und lieben ler­nen. Alles, was ich dafür tue, dass ich meinen eige­nen Kör­p­er kenne, liebe und annehme, kommt meinen Kindern zugute. Und dabei hat mich dieser Tantra-Work­shop ein gutes Stück weit­er gebracht.

Nacktsein vor Fremden — eine große Hürde für mich!

Zu Beginn habe ich mit Befrem­den zur Ken­nt­nis genom­men, dass Olaf, der Aus­bil­dungsleit­er, uns bat, auf dem Gelände nicht unbek­lei­det herumzu­laufen. Auf die Idee wäre ich nun wirk­lich nicht gekom­men. Als ich das erste Mal nackt massieren und massiert wer­den sollte, bin ich in den Waschraum gegan­gen, um mir ver­schämt den Lunghi anzuziehen und habe ihn erst im let­zten Augen­blick hastig abgelegt. Vor Aufre­gung kon­nte ich kaum Luft kriegen und wusste nicht, wo ich hin­guck­en sollte. Aber nach ein paar Tagen war der Grup­pen­raum, eine umge­baute Sche­une, in der wir die Mas­sage­plätze kre­is­för­mig ange­ord­net hat­ten, wie ein Tem­pel für mich, in dem wir jeden Tag aufs Neue unseren Mut und unsere Schön­heit gefeiert haben.

Am Ende kon­nte ich es genießen, erhobe­nen Hauptes split­ter­faser­nackt quer durch den Raum zu gehen und habe keinen Gedanken mehr daran ver­schwen­det, wie ich bei den Mas­sagen ausse­he. Und wer weiß? Wenn der Work­shop noch ein paar Tage länger gedauert hätte, hätte mich vielle­icht irgend­wann nur noch die küh­le Wit­terung davon abge­hal­ten, unbek­lei­det auf dem Gelände herumzu­laufen.

Foto: Cor­nelia Hansen

Bekan­ntlich umfasst die Tantra-Mas­sage auch den Intim­bere­ich. In Mod­ul 2 wird es sechs Tage lang auss­chließlich um die „Yoni- und Lingam­mas­sage“ (ja, das ist genau das, wonach es klingt) gehen, einige Tech­niken haben wir aber schon in diesem Sem­i­nar erlernt. Sta­tis­tisch gese­hen bin ich eine sex­uell über­durch­schnit­tlich erfahrene Frau und ich halte mich für recht ver­siert. (Ich habe tief durchgeat­met, bevor ich diesen Satz geschrieben habe). Den­noch ist mir bei grober Sich­tung der Sem­i­nar­in­halte aufge­fall­en, dass ich noch eine Menge dazuler­nen kann. Ich halte das für eine gute Nachricht, denn meine per­sön­liche Wahrheit liegt zwis­chen den gesellschaftlichen Sex­u­al­stan­dards, die mir immer schon zu eng gewe­sen sind und der gelang­weil­ten Attitüde jen­er, die meinen, schon mit allen Wassern gewaschen zu sein. Ich ste­he dazu, dass ich noch lange nicht alles kann, es aber gerne kön­nen würde.

Intimmassage: Warum habe ich das alles nicht schon viel früher gelernt??

Daher bin ich bei diesem Sem­i­nar genau richtig: Es gibt nicht nur ein Skript, in dem alle Mas­sage­griffe detail­liert gezeigt wer­den, son­dern die einzel­nen Ele­mente wer­den uns auch auf einem Mas­sage­platz in der Mitte des Raumes vorge­führt. Wir sitzen auf Med­i­ta­tion­skissen im Kreis und sehen zu, wie Tama­ra, die Aus­bil­dungslei­t­erin, einen Assis­ten­ten massiert oder umgekehrt. Daneben ste­ht Olaf mit Lunghi und Head­set und erläutert die ver­schiede­nen Tech­niken. Wir kön­nen Fra­gen stellen. Während wir sel­ber massieren oder massiert wer­den, geht das Team rum und hil­ft uns, das Gel­ernte umzuset­zen. Wir bekom­men Feed­back von den Teil­nehmern, die wir massieren.

Warum habe ich das alles nicht schon gel­ernt, als ich 16 war? Warum ler­nen wir nicht alle mit 16 die Kun­st, uns gegen­seit­ig zu berühren? Es ist so unglaublich befreiend und im Grund auch leicht gewe­sen, diese ganze aufgestülpte Moral, mit der wir erzo­gen und sozial­isiert wur­den, ein­fach abzus­treifen und uns mit kindlich­er Unschuld und Neugierde daran zu machen, unsere Kör­p­er ken­nen zu ler­nen und die Fülle von Gefühlen zu genießen, die sie uns schenken kön­nen. Uns zu berühren und nah zu sein, ehrlich und authen­tisch in jedem Augen­blick.

Du musst die Männer lieben!”

Und gle­ichzeit­ig ist es ham­mer­hart gewe­sen, bei der Frage der Part­ner­wahl für diese Übun­gen mit den ganzen Schat­ten kon­fron­tiert zu wer­den, die wir in uns tra­gen: „Mich will bes­timmt wieder nie­mand, so wie damals in der Schule beim Sportun­ter­richt.“ „Ich bin nicht schön/ jung/ sexy/ männlich/ weib­lich genug.“ „Mit dem will ich das nicht machen, aber wie sage ich es?“ Mit der würde ich gerne, aber ich traue mich nicht.“ „Eigentlich ist mir ist das ger­ade alles zu viel, aber ich habe Angst, dass alle mich uncool find­en, wenn ich das sage.“, etc., etc. … .

Die größte Her­aus­forderung war es daher, eine stim­mige innere Hal­tung zu mir sel­ber, zu mein­er Sex­u­al­ität und zur Tantra­mas­sage zu find­en. Ich habe tolles Feed­back bekom­men, als Men­sch, als Frau und als Masseurin. Aber mir ist klar gewor­den, dass ich in meinem Kon­takt zu Män­nern noch nicht klar bin. Bis zum näch­sten Mod­ul will ich her­aus­find­en, woran das liegt. “Du musst die Män­ner lieben!” hat Tama­ra am Ende zu mir gesagt. Da bin ich noch nicht.

Aber ich habe Män­nern und Frauen am ganzen Kör­p­er massiert und bin von ihnen massiert wor­den. Ich habe Funken gesprüht beim Tanzen und mir Fels­brock­en von der Seele gere­det. Ich habe gelacht wie das Kind, das ich nie war und mich inner­lich und äußer­lich satt gefühlt, ver­bun­den mit mir und anderen, fra­g­los, fed­er­le­icht und unendlich frei. Ich habe im Grup­pen­raum über­nachtet und bin erst eingeschlafen, als die Vögel schon wieder anfin­gen zu sin­gen. Ich kon­nte viele Hem­mungen und Kom­plexe able­gen und mich auf neue Erfahrun­gen ein­lassen und ich kon­nte meine Gren­zen spüren und schützen, ohne mich als Opfer oder als Ver­sagerin zu fühlen.

Foto: Cor­nelia Hansen

Ich habe mir die Nägel lack­ieren lassen und mir einen flam­mend rot-orange-pink­far­be­nen Lunghi gekauft. Wie so ein Mäd­chen. Ich habe hem­mungs­los zur Musik von Faith­less („Fly­in Hi“), Rosen­stolz („Ich bin ich“) und Abba („Danc­ing Queen“), gesun­gen, gekreis­cht, gejauchzt, gejohlt, fast hätte ich geschrien „Ich liebe euch alle!“. Wie so ein Rock­star. Ich habe vor 17 Leuten einen Striptease gemacht, nackt getanzt und getra­gene Unter­wäsche ver­schenkt. Wie – ja, genau! Ich finde Älter­w­er­den ger­ade fan­tastisch: Endlich kann ich meine Pubertät nach­holen!

Am Ende dachte ich, ich würde jetzt nie mehr vor irgendwas Angst haben.

Ich habe nicht mehr das Gefühl, ein leeres Schwimm­beck­en aus Bedürftigkeit zu sein, son­dern aus der Fülle schöpfen und alles bekom­men zu kön­nen, was ich mir wün­sche. Ich bin so durch­läs­sig wie noch nie für meine seel­is­chen und kör­per­lichen Empfind­un­gen. Die Enge in meinem Hals ist ver­schwun­den, dafür hat sich mein Kiefer verkrampft und ich sehe jet­zt deut­lich­er als zuvor diesen anges­pan­nten Zug um meinen Mund, den ich nicht mag. Ich bin meinem Lebenswillen begeg­net, dieser unbändi­gen Energie, die in meinem Beck­en und meinem Kreuz sitzt und die gelebt wer­den will, gelebt wer­den muss. Ich habe mich getraut, in mein Herz zu horchen und ich habe nicht nur meine Kinder darin gespürt, son­dern auch mich sel­ber. Endlich. Was für ein Geschenk!

Als ich nach sieben Tagen wieder auf dem winzi­gen Bahn­hof in der Nähe des Tagung­shaus­es stand und mir am Auto­mat­en eine Rück­fahrkarte kaufen wollte, habe ich meine EC-Karte in den Schlitz für Geld­scheine gesteckt. Das Gerät machte ein schnar­ren­des Geräusch. Ich schob die Karte noch ein biss­chen tiefer rein, bis sie ganz ver­schwun­den war. Es dauerte lange, bis ich begriff, warum ich nicht aufge­fordert wurde, meine PIN-Num­mer einzugeben. Ich bin ohne Fahrkarte und ohne EC-Karte in den Zug gestiegen.

Ich füh­le mich ger­ade so zu Hause wie noch nie. Ich habe nicht ständig das Gefühl, zur falschen Zeit am falschen Ort  zu sein und das Beste zu ver­passen. Ich habe nicht mehr das Gefühl, mein Leben ver­saut zu haben, wenn ich vor einem Deutsch­land­spiel mit zwei Tüten Tiefkühlpommes unter dem Arm über den Park­platz von Aldi zu einem Auto het­ze, in dem meine maulen­den Kinder warten, statt in den Metropolen dieser Welt nach einem furiosen Vor­trag über Demokratisierungs­the­o­rien zum tosenden Applaus das Podi­um zu ver­lassen, emp­fan­gen von einem Spalier aus geschmei­di­gen Jungs mit Dread­locks, die sich die Fin­ger danach leck­en, mich auf den Hän­den zu meinem Hotel­bett zu tra­gen.

Und plötzlich ist mein Leben genau richtig.

Ich will mich nicht mehr schä­men! Nicht für meine Kraft und nicht für meine Schwächen, nicht für meine Gefüh­le und nicht für meine Wün­sche, nicht für meine Lust und nicht für meine Angst. Ich will mich nicht mehr entschuldigen und nicht mehr recht­fer­ti­gen. Ich will nicht mehr um jeden Preis edel, hil­fre­ich und gut sein. Ich habe keine Angst mehr, verkehrt zu sein, nur weil ich anders bin. Ich habe nicht mal Lust, Jeans und BHs anzuziehen, um meinen Kör­p­er in eine gesellschafts­fähige Form zu brin­gen.

Ich spüre Tantra über­all: In dem Geruch von Hol­un­derblüten und frischem Korian­der, in meinem Rit­ter­sporn, der blau im Abendlicht leuchtet, im weichen Hals mein­er kleinen Tochter, in dem ich meine Nase ver­grabe, in den son­nen­war­men Blät­tern der Erd­beerpflanzen, die ich mit den Hän­den teile, um zu den prallen Früchte vorzu­drin­gen, die nah am feucht­en, schat­ti­gen Boden wach­sen. Es geht nicht mehr um “hätte”, “würde”, “kön­nte”, son­dern um das, was jet­zt ist. Das klingt so sim­pel und abge­droschen, das habe ich schon so oft gehört und gele­sen und immer gedacht „Haha – als wenn das so ein­fach wäre!“ und jet­zt weiß ich lei­der auch nicht, wie ich es anders aus­drück­en soll, ohne dass ihr das gle­ich denkt.

Vor ein paar Tagen bin ich mit mein­er kleinen Tochter auf den Bauern­hof gefahren, um Lebens­mit­tel für uns und vier weit­ere Fam­i­lien abzu­holen. Auf der Rück­fahrt wollte sie Musik hören und ich habe im Radio nach einem passenden Sender gesucht. Plöt­zlich erk­lang ein Konz­ert von Dvořák. Sie jubelte auf: „Das will ich hören!“ Es war das erste Mal, dass sie klas­sis­che Musik gehört hat. Ich habe den Ton lauter gedreht und wir sind zu den ergreifend­en Klän­gen der Stre­ich­er durch die son­nen­durch­fluteten Alleen geglit­ten. Ich habe in ihr verzück­tes kleines Gesicht gese­hen und war den Trä­nen nahe. Es war alles per­fekt.

Foto: pri­vat

2 Kommentare

  1. Diana sagt:

    Liebe Han­na,
    ein wun­der­voller Artikel!!! Tat­säch­lich habe ich nch der Einzel­sitzung bei dir ern­sthaft darüber nachgedacht, auch so eine Aus­bil­dung zu machen. Mein Leben kam mir nach der inten­siv­en Mas­sage so schal vor. Nach­dem ich jedoch wieder auf dem Boden gelandet bin, ist mir klar gewor­den, dass die grundle­gende Schwierigkeit im Nach-außen-gehen liegt, also meine Dien­stleis­tung selb­stver­ständl­cih nach außen zu bewer­ben. Das werde ich zunächst mal üben und was Tantra ange­ht, ganz langsame Schritte machen.

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