Frau schaut direkt in Kamera
Vom Trauma zum Traumberuf — Eine Geschichte mit happy ending
12. Juli 2018
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Ausbildungsseminar in Yoni- und Lingammassage

Diesen Text habe ich vor vier Jahren geschrieben, als ich vom zweit­en Mod­ul mein­er Tantra­mas­sage-Aus­bil­dung bei Tantra­Con­nec­tion zurück­kam, der Yoni- und Lingam­mas­sage. Ich veröf­fentliche ihn hier, weil ich dir Mut machen möchte. Mut zur Verän­derung:

 

Eine Woche Tantra oder: Ich war da, wo die Liebe ist

 

Es ist anders als let­ztes Mal. Ich bin noch nicht ganz wieder da und ich füh­le mich weniger kraftvoll, dafür gelöster und offen­er. Ich habe etwas zugenom­men, meine Hüften und mein Bauch sind weich und meine Haut ist vollge­so­gen mit Mas­sageöl, Sin­nes­freuden und Glücks­ge­fühlen. Als ich vorhin durch die Herb­st­sonne gefahren bin, durch die Far­ben, die ich so liebe, habe ich voll Über­schwang die Fen­ster geöffnet, laut die Pop­songs im Radio mit­ge­sun­gen und mit den Fäusten gegen das Auto­dach getrom­melt. Jed­er, der mich miss­bil­li­gend ansah, bekam ein strahlen­des Lächeln von mir geschenkt und ein “Namas­té!”

 

Aber am Anfang war wieder die Angst. Je näher der Ter­min rück­te, desto stärk­er überkam mich das ungewöhn­lich drin­gende Bedürf­nis, mein äußeres Erschei­n­ungs­bild zu opti­mieren. Pediküre, Enthaarung, Kos­metik, Kör­perpflege, all die Dinge, auf die ich nor­maler­weise kaum Zeit und noch weniger Geld ver­wende, erschienen mir plöt­zlich sehr bedeut­sam. Die Erken­nt­nis lag nah, dass ich wohl doch nicht so cool bin, wie ich gerne wäre. Zu einem Sem­i­nar zu fahren, um eine Woche lang Intim­mas­sagen zu geben und zu bekom­men, das erschien ein­er­seits kon­se­quent, hat­te ich doch Mod­ul 1, die erforder­lichen Probe­mas­sagen und das Peer­group-Tre­f­fen erfol­gre­ich absolviert, aber ander­er­seits völ­lig abwegig, ein großes Aben­teuer, eine gewagte Reise in die Tiefen und Untiefen mein­er Sex­u­al­ität.

 

Intimmassage — eine Frage des Vertrauens

 

Neugierde und Ner­vosität, Vor­freude und Vor­be­halte hiel­ten sich die Waage. Das The­ma war „Ver­trauen“, Ver­trauen zu Män­nern, aber vor allem wohl zu mir sel­ber. Ich hat­te Angst, dass etwas passieren kön­nte, was mich aus der Bahn wer­fen würde oder dass ein­fach gar nichts passieren würde. Ich hat­te Angst, für attrak­tiv gehal­ten zu wer­den und ich hat­te Angst, nicht für attrak­tiv gehal­ten zu wer­den. Ich hat­te Angst, dass ich sehr viel Lust empfind­en kön­nte oder dass ich über­haupt keine Lust empfind­en würde. Und ich wusste nicht, was schlim­mer wäre. Mir war ständig kalt, mein Brustko­rb fühlte sich an, als wäre er in ein Korsett geschnürt und ich war ziem­lich sich­er, eine Blase­nentzün­dung zu bekom­men.

 

Als dann endlich der Tag der Abreise gekom­men war, kon­nte ich es nicht abwarten, endlich wieder da zu sein und alles hin­ter mir zu lassen. Durch den Deich zu fahren und dann noch ein kleines Stück bis zu dem Tagung­shaus, das wie eine Insel in der Marsch liegt, umgeben von hohen Bäu­men und einem ver­wun­sch­enen Garten. Das weiße, geflügelte Pferd an der Auf­fahrt ist wie ein Zeichen, dass hier eine andere Welt begin­nt, meine Welt, mein Heimat­plan­et. Hier inter­essiert es nicht, woher ich komme und wovon ich lebe, hier ste­hen die Uhren auf JETZT und alles ist möglich. Meine Zellen vib­ri­eren und meine Poren öff­nen sich, meine Anten­nen sind auf Emp­fang und eine glasklare Wach­heit ist in mir, die ich aus meinem All­t­ag nicht kenne. Hier kann ich die sein, die ich bin. Hier kann ich alles able­gen, die Klam­ot­ten, die Sachzwänge, die Kon­ven­tio­nen, die alten Rollen und Muster, hier ist alles leicht für mich, hier kann ich nichts falsch machen.

 

Tantra für den Weltfrieden?

 

Es gibt keine wichtigeren Fra­gen als „Wo ist meine Wasser­flasche?“, Welchen Tee trinke ich vor der Mor­gen­med­i­ta­tion und wo trinke ich ihn? Alleine mit Blick auf den Son­nenauf­gang oder in Gesellschaft, auf der Bank vor dem Haus?“ „Wo will ich in der Runde sitzen?“ „Von wem möchte ich jet­zt eine Umar­mung oder wer sieht aus, als kön­nte er eine Umar­mung von mir gebrauchen?“ und „Mit wem möchte ich die näch­ste Mas­sage machen?“ Die Tage verge­hen mit Auf­ste­hen, Anziehen, Medi­tieren, Duschen, Essen, Reden, Tanzen, Zuhören, Essen, Aus­ruhen, Ausziehen, Duschen, Massieren, Duschen, Anziehen, Essen, Ausziehen, Massieren, Duschen, Anziehen, Reden, Ausziehen, Schlafen.

 

Eine Vier­tel­stunde vor der näch­sten Mas­sage trifft sich das ganze Stock­w­erk im Gemein­schafts­bad zum Zäh­neputzen, Waschen, Rasieren. Wasser­dampf und Gelächter wabern umher und es riecht nach Sham­poo und Frei­heit. Kuscheln ist gut gegen Depres­sio­nen und Tantra für den Welt­frieden? Ich glaube das sofort. Das Handy brauche ich nur zum Weck­en und das Lap­top kein einziges Mal. Mein Zim­mer benutze ich als Klei­derkam­mer, ich ver­bringe die Mit­tagspausen dösend auf dem Rasen in der Sonne und die Abende auf der Hol­ly­wood­schaukel unter dem Ster­nen­him­mel. „Du bist ganz da und du bist eine Frau“ sagt S., nach­dem ich sie massiert habe. Genau­so füh­le ich mich.

 

Foto: pri­vat

Hinter dem Lachen sind die Tränen und hinter den Tränen ist die Lust.

 

Dies­mal sind Män­ner und Frauen zeitweilig unter sich. Für mich sind das die inten­sivsten Stun­den des Sem­i­nares. Es gibt so viele Masken, hin­ter denen wir unsere wahren Gefüh­le ver­ber­gen: Trauer, Angst, Unsicher­heit, Scham, Wut, Ent­täuschung, Schmerz, Hil­flosigkeit, Neid. Lachen ist wun­der­bar, aber nicht, wenn wir damit unsere Gefüh­le erstick­en. Wir lachen über andere und wir lachen über uns sel­ber. Lachen kann verbinden, aber es kann auch eine Fas­sade sein, hin­ter der wir uns ver­steck­en und mit der wir andere von uns fern hal­ten.

 

Bei keinem anderen The­ma fällt mir das so auf wie bei der Sex­u­al­ität. Wir lachen, wenn wir eigentlich weinen kön­nten. Wir lachen, um uns sel­ber zu schützen und um die anderen zu schützen vor all dem, was wir in uns tra­gen und was sie vielle­icht auch in sich tra­gen. Hin­ter dem Lachen sind die Trä­nen und hin­ter den Trä­nen ist die Lust. Wir Frauen kon­nten unsere Trä­nen miteinan­der teilen und das hat uns den Weg geeb­net, auf die Män­ner in der Gruppe zuzuge­hen.

 

Am let­zten Tag hat jed­er drei Minuten Wun­schzeit im Kreis des anderen Geschlecht­es. Es wird viel gestre­ichelt, geküsst und massiert. Als ich an der Rei­he bin, wün­sche ich mir, gehal­ten zu wer­den. Das ist mein sehn­lich­ster Wun­sch und gle­ichzeit­ig das Bedürf­nis, das zu zeigen mir am schw­er­sten fällt. Acht Män­ner hal­ten meinen Kör­p­er, bis meine Knie nachgeben und ich weinen kann, schluchzen und zit­tern, endlich etwas abgeben von der Last, die auf meinen Schul­tern liegt. Für einen Moment.

 

Ich fühle mich nicht schmutzig, kein bisschen.

 

Als ich wieder zurück bin, sagt ein Bekan­nter, ich würde ihm „schmutzig“ vorkom­men. Ich füh­le mich nicht schmutzig. Kein biss­chen. Ich war noch nie so im Reinen mit mir. Es fällt mir immer leichter, Men­schen aus meinem Umfeld zu erzählen, welche Art von Aus­bil­dung ich mache. Es gibt nichts zu ver­steck­en. So groß die kör­per­liche Intim­ität bei den Mas­sagen auch ist, sie hat über den Moment hin­aus keine Bedeu­tung. Man betritt in dem klaren Rah­men eines Rit­uales einen Raum, in dem man sich begeg­nen kann und ver­lässt ihn hin­ter­her wieder. Zurück bleiben nur Dankbarkeit und Demut. Ich hat­te inten­sive Begeg­nun­gen. Ich habe Män­ner massiert und Män­nern die Hand auf das Herz gelegt und Män­nern minuten­lang in die Augen gese­hen. Ich bin keinem Men­schen so nahe gekom­men wie mir sel­ber.

 

Foto: pri­vat

Ich bekomme eine Idee davon, dass Sex­u­al­ität nicht dazu da ist, mir sel­ber zu ent­fliehen, son­dern bei mir anzukom­men. „Du bist weich­er gewor­den, vor allem im Umgang mit dir sel­ber“ sagt eine Fre­undin und das stimmt. Let­ztes Jahr hat­te ich oft das Gefühl, mit Testos­teron voll­gepumpt zu sein. Ein schnei­den­des, schmerzhaftes Gefühl im Kiefer, hart und kalt, ein trotziges Auf­begehren, eine unper­sön­liche Begierde, grob­schlächtig, zer­störerisch und bru­tal, die mich erschreckt hat und die das Poten­zial hat­te, alles um mich herum zu zer­mal­men. Ich war im Herzen unempfänglich für Schön­heit und Glück, nein, schlim­mer noch, sie waren mir unerträglich, weil ich nicht in der Lage war, sie zu genießen. Das ist jet­zt anders.

 

Erst vor ein paar Tagen habe ich ange­fan­gen, die Taschen zu leeren, außer meinem Kul­turbeu­tel und dem neuen Lunghi mochte ich zunächst nichts aus­pack­en. Ich habe meine Nase in jedes Stück gesteckt, das ich in die Hand genom­men habe, in meine Klei­dung und in die Handtüch­er, mit denen ich mir bei den Mas­sagen den Schweiß abgewis­cht habe und ihr Geruch hat mich an die Gefüh­le erin­nert, die ich an dem Tag hat­te, an dem ich sie benutzt habe. Mein Kör­p­er riecht ganz anders auf diesen Sem­i­naren, das muss an den Hor­mo­nen liegen.

 

Und dann die Bet­twäsche: Am lieb­sten würde ich sie in ein Schraub­glas steck­en, um ihren Duft zu bewahren und mich immer wieder in den Zus­tand ver­set­zen zu kön­nen, in dem ich dort die Nächte ver­bracht habe. So habe ich wohl zulet­zt als Kind geschlafen. Wenn über­haupt. Diese Art von Schlaf ist eine neue Erfahrung gewe­sen für mich und ich habe sie mir ver­di­ent, indem ich mein Bedürf­nis ernst genom­men und so lange nach den ide­alen Bedin­gun­gen gesucht habe, bis ich sie gefun­den hat­te.

 

Dann war es, als wäre ich von ein­er wär­menden Hülle umgeben, die mir all den Platz gelassen hat, den ich brauche, in der es nichts zu tun gab. Ich durfte ein­fach nur da sein und zur Ruhe kom­men, gebor­gen und behütet. Mir wird langsam bewusst, wie sen­si­bel mein Geist auf alles um mich herum reagiert, sowohl in mein­er Fam­i­lie als auch auf diesen Sem­i­naren. Ich sehe Dinge, die man nicht sehen kann und füh­le, was ich nicht beschreiben kann. Zum Aus­gle­ich brauche ich die Stille.

 

Danke dafür! Danke für alles!

Sep­tem­ber 2014

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