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Das Popo-Seminar oder wofür Beckenboden-Massage gut ist


Ich fange ger­ade eine neue Aus­bil­dung an, Somat­ic Expe­ri­enc­ing, ein kör­per­or­i­en­tiert­er Ansatz zur Lösung von trau­ma­tis­chem Stress. Ganz oft geht es darum, wo im Kör­p­er wir etwas spüren und ich spüre ganz oft etwas im Beck­en­bo­den. Das ist hier etwas unüblich, aber seit ich davon ange­fan­gen habe, sind mir viele Fra­gen zum Beck­en­bo­den gestellt wor­den und jet­zt fan­gen andere auch an, mehr im Beck­en­bo­den zu spüren. Wie das bei mir ange­fan­gen hat mit dem Spüren im Beck­en­bo­den, erfahrt ihr in diesem Blog­text, den ich vor vier Jahren geschrieben habe und der an dem­sel­ben Ort spielt, an dem ich jet­zt grade bin. Warum? Weil ich euch Mut machen möchte. Mut zur Verän­derung:

Vor zwei Wochen war ich bei dem drit­ten Mod­ul mein­er Tantra­mas­sage-Aus­bil­dung. Um es hin­ter mich zu brin­gen: Das The­ma war „Beck­en­bo­den-, Anal- und Prostata­mas­sage“. Als ich zum ersten Mal gele­sen habe, was da in der Mitte der Aus­bil­dung auf mich zukom­men würde, habe ich einen Riesen­schreck bekom­men. “Alles, nur das nicht!” dachte ich. Ich hat­te zwar im pri­vat­en Kon­text schon Män­ner an diesen Stellen ange­fasst, aber da wir ja nicht an Pup­pen üben son­dern uns gegen­seit­ig massieren, wusste ich, dass ich auch würde „hin­hal­ten“ müssen und das war etwas, worum ich mich in mein­er sex­uellen Biografie bis­lang herumge­drückt hat­te. Über­haupt ist mein Po der einzige Kör­perteil, mit dem ich im Unfrieden bin und die Vorstel­lung, dass er tage­lang im Mit­telpunkt der Aufmerk­samkeit sein würde, erfüllte mich mit Unbe­ha­gen und tiefer Scham. „Mod­ul 3“ – das war meine Eiger-Nord­wand, mein Dschun­gel­camp und ich kon­nte kein biss­chen über die Kalauer lachen, die jedes Gespräch über den Gegen­stand dieses Sem­i­nares begleit­eten. Aber da ich das Zer­ti­fikat machen will, führte kein Weg an meinem Hin­terteil vor­bei.

Foto: pri­vat

Der Hin­weis ein­er Aus­bil­dungskol­le­gin machte mir klar, dass es bei der Anal­mas­sage nicht nur darum geht, eine Kör­peröff­nung zu stim­ulieren, die bei vie­len Men­schen sehr ero­gen ist, son­dern dass in diesem Teil des Kör­pers auch das Wurzelchakra, zuständig für Sicher­heit und Stand­haftigkeit, Urver­trauen, Sta­bil­ität und Durch­set­zungs­fähigkeit sitzt und durch die Mas­sage belebt und geöffnet wer­den kann. Das Wort „Wurzel­mas­sage“, gefiel mir schon bess­er und ich begann, den tief­er­en Sinn dieses Moduls zu begreifen und zu ahnen, dass es ger­ade für mich und ger­ade weil ich einen solchen Wider­willen dage­gen hat­te, beson­ders wertvoll sein kön­nte. Beim Peer­group-Tre­f­fen berührte dann mein Mas­sagepart­ner über­raschend diesen Punkt und nach ein paar tiefen Atemzü­gen bre­it­ete sich eine heiß-raue, erdi­ge Erre­gung in meinem Beck­en aus, die mir gän­zlich neu war und meine Neugierde weck­te. Daher wich meine Panik in den let­zten Wochen der Zuver­sicht, dass die Aus­bilder auch dies­mal alle meine Befürch­tun­gen entkräften wür­den und der Freude darüber, im geschützten Rah­men noch ein­mal etwas ganz Neues ken­nen ler­nen zu kön­nen. Ich pack­te zusät­zlich zu meinem üblichen Mas­sage-Equip­ment Enthaarungscreme und ein Nec­es­saire in den Kof­fer und war ges­pan­nt, was auf mich zukom­men würde.

In den Tagen vor dem Sem­i­nar ist ein Aus­bil­dungskol­lege zu Besuch in mein­er Stadt und so steigen wir nach einem aus­giebi­gen Früh­stück am Haupt­bahn­hof gemein­sam in die Bum­mel­bahn. Der Zug über­quert den bre­it­en Fluss und ich lack­iere mir die Nägel. Das ist mein Rit­u­al, um mich auf das Massieren vorzu­bere­it­en. Am anderen Ufer ist die Land­schaft zart mit Rau­reif über­pud­ert. Während wir uns gemäch­lich dem Meer näh­ern, ver­liert die Welt jen­seits der Fen­ster­scheiben ihre Far­ben. Kahle Bäume zeich­nen sich scharf vor den weißen Flächen ab, ihr Geäst scheint wie mit schwarz­er Tinte auf Perga­ment gestrichen.

Wir wer­den vom Bahn­hof abge­holt und fahren durch die Leere zu dem Sem­i­narhaus, das wir vom let­zten Som­mer ken­nen. Der dichte Ring aus hohen Bäu­men, der die alten Gebäude gegen die Wit­terung und die Außen­welt abschirmt, ist nur noch ein fil­igranes Netz aus Ästen und Zweigen und doch füh­le ich mich gle­ich wieder gebor­gen. Am näch­sten Mor­gen hän­gen Eiszapfen vom Reet­dach, der Garten ist über und über mit feinen Kristallen über­zo­gen und glitzert im Son­nen­licht. Ab dem Mit­tag fall­en dicke Flock­en. Wir ver­brin­gen die vier Tage Sem­i­narzeit wie in ein­er Schneekugel. Es herrscht eine andere Energie dies­mal. Die Stim­mung ist unge­wohnt ruhig, sog­ar im Speis­er­aum, jed­er ist mit sich beschäftigt, in sich gekehrt.

Der Koch bekommt Anweisung, uns keine Zwiebeln, keinen Kohl und keine Hülsen­früchte vorzuset­zen und schreibt zum Früh­stück „have a nice day“ auf die But­ter. Meine Gelassen­heit verblüfft mich sel­ber. Ich habe dies­mal keine Kopf­schmerzen und keine Span­nun­gen im Kiefer. Die Kör­perübun­gen, die wir mor­gens statt der Chakren-Med­i­ta­tion machen, geben mir Kraft. Ich finde die Mas­sagen des Beck­ens und der Pofalte sehr entspan­nend und die „Ein­wei­hung“ meines Hin­terein­gangs ver­läuft dank Gleit­gel und ein­fühlsamer Mas­sagepart­ner unspek­takulär und erstaunlich lustvoll.

Unruhig werde ich nur, als wir zu ein­er bioen­er­getis­chen Übung angeleit­et wer­den, die ich aus dem Tantra-Sem­i­nar für Frauen kenne, das ich vor drei Jahren besucht habe: Das Beck­en-Bounc­ing. Dabei liegt man mit angewinkel­ten Beinen auf dem Rück­en, hebt das Beck­en und lässt es in schnellem Rhyth­mus auf die Unter­lage fall­en, während der Part­ner einem die Füße hält. Damals fing ich nach kurz­er Zeit an zu hyper­ven­tilieren und kalte Angst stieg in mir hoch, eine Angst, die ich nicht ver­ste­hen und nicht sehen wollte und die doch da war, über­mächtig und läh­mend. Aber dies­mal ver­läuft die Übung anders: Als die Energie aus dem Beck­en auf­steigt,  gebe ich ihr Raum und Stimme. Mein Kör­p­er bäumt sich auf und meine kraftvollen Schreie übertö­nen die Musik, bis sich prick­el­nde Freude und schließlich totale Erschöp­fung in mir aus­bre­it­en. Keine Angst mehr weit und bre­it. Das ist der Lohn für drei Jahre harte Arbeit an mir.

Foto: pri­vat

Bei der Part­ner­wahl für die Abschlussmas­sage kommt Bewe­gung in die Gruppe, die bis­lang wie ein ruhiger Fluss durch dieses emo­tion­s­ge­ladene Mod­ul geglit­ten ist. Ich möchte die Mas­sage gerne mit dem Assis­ten­ten machen. Das ist nicht üblich. Die Assis­ten­ten sind die Jok­er, die Tantra-Ambu­lanz. Ich habe kein Prob­lem, ich habe nur einen Herzenswun­sch und ich ringe lange mit mir, bevor ich das Risiko auf mich nehme, ihn auszus­prechen. Ich bin es nicht gewohnt zu sagen, was ich will. Ich habe Sorge, mich angreif­bar zu machen und am Ende gar nicht mehr wählen zu kön­nen, wenn ich alles auf eine Karte set­ze. Und tat­säch­lich geht die Wahl nicht glatt auf, für eine Frau bleibt nur ein Part­ner übrig, mit dem sie bere­its massiert hat. Erst kri­tisiert sie, dass wir uns (ent­ge­gen der Absprache) alle vorher verabre­det hät­ten, dann fängt sie an zu weinen. Ich spüre Schuld und Ver­ant­wor­tung und bin kurz davor, meinen Platz zu räu­men und mich für eine andere Kon­stel­la­tion zur Ver­fü­gung zu stellen – bevor gar mein Wun­sch­part­ner mir zuvorkommt und ich es bin, die alleine zurück­bleibt. Doch plöt­zlich spüre ich etwas Neues: Meinen Willen und meine Wut. Ich beschließe abzuwarten, ob sich nicht auch ohne mein Zutun eine Lösung ergibt. Ich finde, dass ich das­selbe Recht auf meine Wahl habe wie alle anderen. Bin ich nicht schon oft genug flex­i­bel gewe­sen und habe mich arrang­iert?

Wir machen eine kurze Pause. Ich bin aufgeregt. Ich merke, wie wichtig die Sache für mich ist. Mir fällt der Satz ein, mit dem ich vor zwei Jahren aus der psy­cho­so­ma­tis­chen Klinik nach Hause gefahren bin. Mein Satz, der mich zunächst in der Mitte der Gruppe zusam­men­brechen ließ, weil ich ihn nicht über die Lip­pen brin­gen kon­nte: “Ich habe das Recht, meine Gefüh­le und Bedürfnisse ernst zu nehmen.”

Das Sem­i­nar geht weit­er. Wir machen eine Med­i­ta­tion auf die grüne Tara, eine weib­liche Bud­dha-Gestalt und ich kann förm­lich mit Hän­den greifen, wie sich der Kreis schließt. Mein Satz ist ein Wurzelchakra-The­ma. Er bringt auf den Punkt, was mir immer gefehlt hat, was die Quelle mein­er Depres­sio­nen und des Lei­dens an mir sel­ber war. Als wir nach der Mit­tagspause wieder zusam­menkom­men, haben sich zwei neue Mas­sagepaare gefun­den, der Kon­flikt ist gelöst. Ich bekomme was ich will und es ist gut. Ich habe mich her­aus­ge­fordert und gewon­nen. Der Mas­sage­tausch ist wun­der­bar, eine Stern­stunde, eine unvergessliche Erin­nerung in meinem Schatzkästchen.

Am Mor­gen vor der Abfahrt taut es. In der Dusche tre­ffe ich T. „Dein Po sieht irgend­wie glück­lich­er aus!“ sagt sie nach einem Blick auf meinen Hin­tern. Alle lachen. “Er ist auch glück­lich­er!” sage ich. “Du hast Arsch in der Hose!” hat meine liebe Fre­undin A. mal zu mir gesagt, aber sie hat es nicht wörtlich gemeint. Doch jet­zt füh­le ich meinen Arsch. Er fühlt sich gut an und er mag es, wenn er ange­fasst wird.

Heute war ich mit mein­er kleinen Tochter draußen. Als wir durch den Garten gegan­gen sind, habe ich daran gedacht, dass ein Gärt­ner mir mal erk­lärt hat, dass die Pflanzen im Som­mer nach oben wach­sen und im Win­ter nach unten. Im Win­ter bilden sie ihre Wurzeln. M. stampft auf die gefrore­nen Pfützen, bis schlam­miges Wass­er zwis­chen den Eiss­cheiben her­vorquillt. Ich sehe die frischen Treck­er­spuren und die Wälle aus dampfen­d­em Mist am Rande des Ack­ers und freue mich auf den Früh­ling.

Die Welt ist weiß und star­rge­froren, doch ich bin erfüllt von Wärme und stiller Kraft. Ich konzen­triere mich auf das Wesentliche – auf meinen Kör­p­er, meine Kinder und meine Pro­jek­te. Ich mache die Yogaübun­gen, die das „innere Feuer“ weck­en und medi­tiere jeden Tag. Zum Ein­schlafen brauche ich keine Wärm­flasche mehr, ich lege eine Hand auf mein Herz und die andere auf meinen Unter­leib und füh­le mich getra­gen und gehal­ten. Es geht mir gut.

5 Kommentare

  1. Ulrike Liebsch sagt:

    Liebe Han­na, ich bewun­dere dich und deinen Mut! Es ist ein sehr ehrlich­er und intimer Text und ich habe ihn mit viel Inter­esse gele­sen! Danke fürs Schreiben und Teilen !
    Her­zliche Grüße, Ulrike

    • Hanna sagt:

      Danke, liebe Ulrike.
      Ich habe den Text vor vier Jahren geschrieben, dieser Abstand hat es mir leichter gemacht, ihn zu veröf­fentlichen.
      Her­zliche Grüße zurück,
      Han­na

  2. Nina sagt:

    Liebe Han­na,
    dein Text rührt mich zu Trä­nen. Es fühlt sich an vie­len Stellen an, als ob du ihn geschrieben hast, um mir Mut zu machen; ste­he ich doch noch ganz am Anfang der “harten Arbeit”.
    Danke, Danke, Danke
    Du bist wahrhaft jet­zt eine Frau, zu der ich auf­schaue!
    Namaste, Sat Nam,
    Herzens­grüße
    Nina

  3. […] die ich in den ver­gan­genen Monat­en zu meis­tern hat­te, als es galt, immer neue Teile meines Kör­pers für Berührun­gen zu öff­nen. Viele alte Schat­ten taucht­en in mir auf und […]

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