Wie ich meine Kinder geboren habe und was das mit Sexualität zu tun hat.
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Ein Lob auf die Stiefmutter

Bei uns ste­hen dieses Jahr viele große Fam­i­lien­feiern an und auf die wirft nicht nur Covid-19 hier und da einen Schat­ten, son­dern auch unsere gemein­same Geschichte. Und wie es Schat­ten so an sich haben, ver­stärken sie die Kon­traste und lassen manch­es klar zu Tage treten, was vorher dif­fus war.
In den let­zten Tagen habe ich mir den Scheren­schnitt mein­er Fam­i­lie ange­se­hen und dabei ist mir ein Text in den Sinn gekom­men, den ich vor sechs Jahren für eine Blog­pa­rade geschrieben habe. Es ging darum, sich selb­st zu loben. Frau sollte bis zur Schames­röte lob­hudeln und erst aufhören, wenn die Ohren glühen – so war es gewün­scht. An dem humori­gen Unter­ton, der sich in meinen Schreib­stil schle­icht, merke ich, wie pein­lich mir die Sache jet­zt schon ist, aber ich bin fest entschlossen, durchzuhal­ten. Und schon geht es los:

Als ich die Über­schrift „Sie machen das wirk­lich gut!“ las, fiel mir ein, wann ich einen ähn­lichen Satz schon mal gehört hat­te: Zwei Jahre zuvor, auf meinem ersten Tantra-Sem­i­nar für Frauen. Während ein­er der Mahlzeit­en hat­te eine junge Frau am Tisch von ihren Über­legun­gen berichtet, mit ihrem Fre­und zusam­men­zuziehen, der zwei kleine Kinder aus ein­er früheren Ehe habe. Ich hat­te daraufhin erzählt, wie es für mich war, einen Mann zu heirat­en, der schon ein Kind aus ein­er früheren Beziehung hat­te und wie wir über die Jahre zu ein­er Fam­i­lie gewor­den sind.

Am let­zten Abend des Sem­i­nares wur­den wir aufge­fordert zu über­legen, ob es Frauen in der Runde gäbe, denen wir noch etwas zu sagen hät­ten. Sofort set­zte sich eine ältere Frau vor mich hin, mit der ich während der ganzen Woche kein Wort gewech­selt hat­te. Sie sah mir in die Augen und sagte: „Du hast mir eine Geschichte erzählt. Eine Geschichte von einem kleinen Mäd­chen, das du in dein Herz geschlossen hast.“ Ich lächelte rat­los und dachte: „Nun ja, sie ist schon etwas älter, bes­timmt ver­wech­selt sie mich.“ Aber ich irrte mich. Sie hat­te mit am Tisch gesessen, als ich die Geschichte mein­er Patch­work­fam­i­lie erzählt hat­te. Als mir klar wurde, was sie meinte, liefen mir die Trä­nen runter, ohne dass ich wusste warum. Sie fuhr mit ruhi­gen, bedächti­gen Worten fort mir zu sagen, wie sehr meine Liebe zu diesem Mäd­chen und die Selb­stver­ständlichkeit, der Respekt und die Geduld, mit der ich aus ihr und meinen drei eige­nen Kindern eine Fam­i­lie gemacht hätte, sie berühren und beein­druck­en wür­den. Und dass sie ihren Enkelkindern wün­schen würde, dass ihr frisch geschieden­er Sohn eine Frau wie mich als neue Part­ner­in find­en würde. Ich kon­nte nicht aufhören zu weinen und mir wurde klar, dass mich noch nie jemand in mein­er Rolle als „Stief­mut­ter“ gewürdigt hat­te. Nicht ein­mal ich sel­ber.

Das möchte ich hier und jet­zt nach­holen: X hat ger­ade ihren 25. Geburt­stag gefeiert und auch aus dem Abstand viel­er Jahre kann ich sagen, dass ich das wirk­lich gut gemacht habe. Ich kann aber auch sagen, dass es gut war, dass ich vorher nicht wusste, wie schw­er es wer­den würde.

Als ich mich in Xs Vater ver­liebt habe, war ich 26 und X war 5. Ich hat­te bis dahin nichts mit Kindern zu tun gehabt. Ich bin ein Einzelkind und hat­te als Kind kaum Fre­unde. Wahrschein­lich, weil ich nicht wusste, was man als Kind macht. Als Kind kon­nte ich kein Kind sein und als ich erwach­sen war, wollte ich keine Kinder. Bis ich mit 22 das erste Mal schwanger wurde. Ich ließ das Kind abtreiben. Zurück blieb ein Gefühl von Leere und Ver­lust und der zaghafte, vage Wun­sch, irgend­wann Mut­ter zu wer­den. Als X in mein Leben kam, war es, als hätte sich diese Lücke auf wun­der­same Weise geschlossen. Nach zwei Monat­en habe ich meine Einz­im­mer­woh­nung unter­ver­mi­etet und bin bei ihrem Vater einge­zo­gen. Alles war plöt­zlich so ein­fach.

Nach einem weit­eren Monat war ich schwanger von ihm. Alles wurde plöt­zlich sehr schwierig. Xs Mut­ter hat­te Bedenken. Meine Eltern hat­ten Bedenken. Ich ver­suchte, schnell die let­zten Scheine für mein Studi­um zu machen. Der zukün­ftige Vater meines Kindes machte mit seinen Kumpels die Nächte im Übungsraum durch. Ich bin der Marathon-Typ. Ich gebe nicht auf. Ich wollte die sein, die es hinkriegt und das habe ich auch. Ich habe ihn zur Paarther­a­pie geschleppt und zur Fam­i­lien­ber­atung. Ich habe mich mit Xs Mut­ter zu Gesprächen getrof­fen und Büch­er über Patch­work­fam­i­lien (der Begriff war damals noch ganz neu) gele­sen. Ich habe mit X Büch­er über Schwanger­schaft und Babys angeguckt, um sie auf ihr Geschwis­terchen vorzu­bere­it­en. Ich habe meinen Eltern gesagt, dass ich mich entsch­ieden habe und dass sie sich auch entschei­den müssen. Ich habe meine Scheine zusam­men­bekom­men und mir ein Kleid aus wein­rot­er Sei­de für die Hochzeit nähen lassen.

Ich hat­te damals kein Vor­bild dafür, wie eine Fam­i­lie jen­seits der tra­di­tionellen „Mutter-Vater-Kind“-Konstellation ausse­hen kön­nte. In einem der schlauen Büch­er wurde eine Fam­i­lie wie unsere „Schmetter­lings­fam­i­lie“ genan­nt, weil sie ihre Schwin­gen über zwei Häuser aus­bre­it­et. Das wurde mein Leit­bild. Xs Mut­ter wohnte gle­ich um die Ecke, X ver­brachte anfangs gle­ich viel Zeit bei ihr wie bei uns. Später lebte sie vor­wiegend bei der Mut­ter, kon­nte aber jed­erzeit vor­beikom­men. Weil unsere Woh­nung gröss­er war, haben wir Xs Geburt­stage meis­tens bei uns gefeiert, mit ihrer Mut­ter und deren jew­eili­gen Part­nern. Wir haben auch alle zusam­men Wei­h­nacht­en gefeiert. Ich habe nie die Wörter „Halb-„ und „Stief-„ benutzt. Es gibt keine hal­ben Kinder. Sie ist die älteste Schwest­er mein­er Kinder.

In dem Buch wurde eine Patch­work­fam­i­lie auch mit einem Garten ver­glichen, der aus alten und neuen Pflanzen neu angelegt wird und allmäh­lich zusam­men­wächst. So ein Garten braucht viele Hände, die ihn pfle­gen. Nach­barn, die mal vor­beikom­men, um die Sträuch­er zu schnei­den oder im Som­mer beim Gießen zu helfen, statt über den Zaun zu schie­len und sich über die Unord­nung zu ereifern. Und nach sieben Jahren der aufmerk­samen Für­sorge blüht der Garten dann so üppig, dass jed­er an der Pforte ste­hen­bleibt und ihn bewun­dert und nicht auf den Gedanken kom­men würde, dass es ein­mal anders gewe­sen sein kön­nte. Sieben Jahre! Da stand, dass es sieben Jahre dauern würde, bis alle alten Wun­den geheilt und die Fam­i­lie zu einem Ganzen gewor­den sein würde. Das kam mir damals unvorstell­bar lange vor und natür­lich hat­te ich den Ehrgeiz, es schneller zu schaf­fen. Aber das war tat­säch­lich die Zeit, die es gedauert hat. Und so lange habe ich gewartet, bis ich ein weit­eres Kind bekom­men habe.

X kommt immer noch regelmäßig zu Besuch, obwohl wir schon lange außer­halb der Stadt wohnen. Ihre Geschwis­ter lieben sie heiß und innig und für mich ist und bleibt sie ein Geschenk. Aber in den Schoss gefall­en ist mir nichts. Ich habe viel dafür getan, ich musste über viele mein­er Schat­ten sprin­gen und ich habe wenig Unter­stützung und Anerken­nung bekom­men. Aber ich weiß, dass ich meine Sache richtig gut gemacht habe und ihr wisst es jet­zt auch.

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