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Eine Lanze für die Lust

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Foto: Claudio Ahlers

In mein­er sex­u­alther­a­peutis­chen Aus­bil­dung in Berlin sitzen vor allem Frauen. Die meis­ten von ihnen sind Psy­chologin­nen, Frauenärztin­nen, Phys­io­ther­a­peutin­nen und Sozialar­bei­t­erin­nen. Ich habe auch mal irgend­wann studiert, der beru­fliche Hin­ter­grund, vor dem ich diese Fort­bil­dung mache, ist aber die Tantra­mas­sage und ich weiß zwar nicht genau, was für ein Bild die anderen Teil­nehmerIn­nen von mir haben, aber ich bin sich­er, dass es maßge­blich durch diese Tat­sache geprägt wurde. Neulich fragte mich während der Mit­tagspause in unser­er Lieblingskneipe im Wed­ding eine von ihnen, warum denn Frauen zu ein­er Mas­sage zu mir kämen. Ob es da um Lust gin­ge? Die Gespräche um uns herum ver­s­tummten, die Aufmerk­samkeit ver­lagerte sich auf mich und ich kon­nte spüren, wie mein Alarm­sys­tem hochfuhr. „Jet­zt nur nichts Falsches sagen, son­st bist du unten durch!“ warnte es mich.

Ich sagte, die Motive der Frauen seien unter­schiedlich, es gin­ge viel um anatomis­ches Wis­sen, darum, das Spüren zu ler­nen, aus­drück­en zu kön­nen, was frau gefällt und darum, mit neuen, guten, selb­st­bes­timmten Erfahrun­gen alte, schlechte, fremdbes­timmte Erfahrun­gen aufzuar­beit­en und zu über­schreiben. All­ge­meines anerken­nen­des Nick­en belohnte meine Aus­führun­gen. Wer hat schon etwas dage­gen, dass Frauen etwas ler­nen und geheilt wer­den? Ermutigt durch die pos­i­tive Reak­tion erläuterte ich die ver­schiede­nen Meth­o­d­en, mit denen ich arbeite und hat­te gegen Ende der Mit­tagspause das angenehme Gefühl, im Anse­hen der Anwe­senden gestiegen zu sein. Aber auf dem Rück­weg zum Sem­i­narort fiel mir auf, dass ich die Aus­gangs­frage gar nicht beant­wortet hat­te.

In meinem Bestreben, als ange­hende Sex­olo­gin ernst genom­men zu wer­den, hat­te ich die Lust ver­rat­en und ver­leugnet. Ich hat­te ihr nicht den Stel­len­wert zuge­s­tanden, der ihr gebührt und ich ärg­erte mich über meinen Klein­mut und  mein Gefall­en-Wollen. Denn ich weiß es bess­er.

Bei einem Tantra­mas­sage-Aus­bil­dungssem­i­nar, bei dem ich assistiert habe, hat­ten wir mal die Sit­u­a­tion, dass ein Mas­sagepaar akustis­che Ver­ständi­gungss­chwierigkeit­en hat­te. Nach der Mas­sage kam dann zur Sprache, dass aus diesem Grund sowohl das „Bitte aufhören!“ des Mannes als auch das „Bitte mehr!“ der Frau uner­hört geblieben waren. Vor allem die Frau reagierte sehr betrof­fen. Sie fühlte sich schuldig, weil sie ein „Nein!“ über­hört hat­te. Dass ihr „Ja!“ nicht erhört wor­den war, fand sie nicht so wichtig. Ich sagte daraufhin, dass ersteres für den Betrof­fe­nen zweifel­los schlimm sein könne, dass es aber auch sehr schmerzhaft sein könne, wenn ein „Ja! Ich habe Lust! Ich möchte mehr!“ nicht gehört würde. Ich weiß nicht, woher ich diesen Satz nahm, aber in dem Moment, in dem ich ihn aussprach, spürte ich, dass er wahr ist.

Bei meinen Mas­sagen geht es ger­ade darum, dass alles willkom­men ist. Wir sind es gewohnt zu erwarten, dass unser Kör­p­er mit Lust reagiert, wenn bes­timmte Kör­per­stellen berührt wer­den. Wir sind es nicht gewohnt, nichts zu erwarten, son­dern hinzus­püren, was genau wir ger­ade empfind­en und das dann auszu­drück­en. Wenn ich eine Frau in der Mas­sage dazu anleite und sie sich darauf ein­lässt, kom­men oft erst mal Rat­losigkeit und dann Trä­nen. Es ist eine neue Erfahrung, dass auch diese Gefüh­le willkom­men sind und ihre Berech­ti­gung haben. Und wenn alle Gefüh­le willkom­men sind, dann wech­seln sie oft so schnell wie die Wolken­bilder am Him­mel. Sie sind ständig in Bewe­gung, wie die Ober­fläche des Wassers. Alles, was unsere Gefüh­le wollen, ist gese­hen zu wer­den und da sein zu dür­fen. Und wenn dann in ein­er Mas­sage die Lust auf­taucht — oft ganz uner­wartet, wenn kein­er mit ihr rech­net — dann ist das wed­er bess­er noch schlechter als irgen­det­was anderes, was während der Mas­sage passiert.

Warum haben wir eigentlich so ein Problem mit der Lust?

Wir sind es gewohnt, in Dual­is­men zu denken: Etwas ist entwed­er lustvoll oder heil­sam, lustvoll oder spir­ituell, lustvoll oder gesund. Dass etwas alles gle­ichzeit­ig sein kann, passt schlecht in unseren Kopf. Und das ist ein großer Teil des Prob­lems, das wir alle mit Kör­per­lichkeit und Sex­u­al­ität haben. Was ist ver­dammt noch mal falsch und schlecht daran, wenn etwas sich gut anfühlt? Warum trauen wir eher einem Weg, der schmerzvoll ist als einem, der (auch) lustvoll ist? Kann etwas nicht vielle­icht auch manch­mal schlicht und ein­fach deshalb gut sein, weil es gut tut? Je mehr ich mich mit dem The­ma befasse, desto skan­dalös­er erscheint es mir, dass es immer noch so tabuisiert ist, sich mit der Lust zu beschäfti­gen. Wir wollen sie, wir brauchen sie, sie tut uns gut, sie macht uns stark und vital – wo ist eigentlich das Prob­lem??

Als ich wieder zurück in dem ehe­ma­li­gen Fab­rikge­bäude war, in dem unsere Sem­i­nare stat­tfind­en, suchte ich die Medi­ziner­in, die mir die Frage nach der Lust gestellt hat­te und sagte, mir sei aufge­fall­en, dass ich ihre Frage gar nicht richtig beant­wortet hätte. Ich erzählte ihr, dass die Lust bei mein­er Arbeit immer ein­ge­laden sei, genau wie alles andere. Dass es nicht meine Auf­gabe sei, sie zu „machen“, aber dass ich sehr wohl die Traute und auch das Herz hätte, meine Kli­entin­nen nicht nur durch Trauer, Schmerz und Wut zu begleit­en, son­dern auch durch Wol­lust und Ekstase.

Genau dafür bin ich unter anderem aus­ge­bildet wor­den. Das heißt nicht, dass es ein­fach ist und dass jed­er das kann, aber es ist ja auch nicht jed­er zum Chirur­gen geboren. Ich fände es fatal, wenn ich mich an diesem Punkt zurückziehen würde, wenn ich meine Kli­entin­nen mit ihrer Lust alleine lassen und ihnen so das Gefühl geben würde, dass daran irgend­was nicht in Ord­nung sei, dass sie zu viel oder unpassend sei. Ger­ade das ist oft das größte Geschenk: Ihnen zu zeigen, dass sie mir auch mit ihrer Lust willkom­men sind und dass sie sich ihrer nicht zu schä­men oder sie zu ver­steck­en brauchen. Darin bin ich dann wie die ide­ale Mut­ter, die die meis­ten von uns nicht gehabt haben. Dieses Erleben hil­ft meinen Kli­entin­nen, die Lust in ihr Selb­st­bild zu inte­gri­eren, sie nicht mehr abzus­pal­ten und abzuw­erten son­dern als einen inte­gralen Bestandteil zu erleben. Und DAS ist heil­sam und gesund.

Die Aus­bil­dungskol­le­gin hat gut ver­standen, was ich ver­sucht habe auszu­drück­en und sie hat sich für meine Offen­heit bedankt. Wir gehen jet­zt öfter zusam­men in der Mit­tagspause essen.

25 Kommentare

  1. Wow Han­na, was für ein wun­der­bar­er, stark­er, echter Beitrag. Im wahrsten Sinne des Worte. Danke.

  2. Kathrin sagt:

    Ich bin echt sehr berührt von dein­er Ehrlichkeit und dem wie du zu dir stehst. Ganz abge­se­hen von der wun­der­vollen Art deine Empfind­un­gen in so klare Worte zu fassen.

  3. Brigitte Winkelmann sagt:

    Vie­len Dank für deine wun­der­vollen und offe­nen Worte. Über die “Lust” zu sprechen ist oft­mals sehr schw­er, denn durch Erziehung haben wir gel­ernt sie nicht zu zeigen und schon gar nicht darüber zu sprechen.
    Eine her­zliche Umar­mung

  4. Da hast du für mich sehr wahre Worte geschrieben. Die Wol­lust, die Lust wollen, Lust spüren, annehmen und aus­drück­en zu dür­fen, ist genau­so wichtig und richtig wie alle anderen Gefüh­le auch. Keines ist bess­er oder schlechter — sie sind ein­fach da.
    Danke für deine geteil­ten Erfahrun­gen, liebe Han­na. Ich lese gerne von dir.

  5. Danke für diesen tollen Artikel. Ich erlebe es immer wieder in tantrischen oder eso­ter­ischen Kreisen, dass eine Tantra­mas­sage zu Heilungszweck­en als etwas “höheres” ange­se­hen wird, als eine Tantra­mas­sage bei der Lust im Zen­trum ste­ht. So wer­den ger­ade Män­ner — oft­mals auch von vie­len Tantra­masseurin­nen — dafür ger­inggeschätzt, dass sie eine Tantra­mas­sage primär aus Lust­grün­den emp­fan­gen wollen. “Ist das dann über­haupt noch Tantra?“hör ich Men­schen dann immer wieder fra­gen — vor allem Frauen. Anscheinend gibt es da einen riesi­gen Split zwis­chen Heilung und Lust — zwis­chen Spir­i­tu­al­ität und Kör­per­lichkeit — para­dox­er­weise in ein­er Philoso­phie (Tantra) die eigentlich dazu da ist, diesen Split zu heilen. Ich erlebe in mein­er Arbeit immer wieder, dass ein “Zulassen” von Lust, ein sich zeigen mit seinen ani­malis­chen Anteilen, ein Durch­brechen von sozialen und selb­st­geschaf­fe­nen Tabus oft­mals ein­er der größten Heilungss­chritte ist. Es braucht Ver­trauen damit sich eine Frau (und auch Män­ner) inmit­ten ihrer Scham- und Schuldge­füh­le so zeigen kön­nen. Diesen find­en sie oft­mals leichter in einem ther­a­peutis­chen Rah­men als mit ihren Part­nern. Ich ziehe den Hut vor allen muti­gen Frauen (& Män­nern) die auf ihrer Reise sind, um diesen Split zu heilen. Danke für Euer Ver­trauen!

    • Admin sagt:

      Ja, völ­lig richtig: Tantra heißt “Ver­bun­den sein”, in dieser Philoso­phie geht es darum, Gegen­sätze aufzulösen und dann zeigt sich eben doch immer wieder, wie schw­er uns das fällt. Inter­es­sant ist auch, dass weib­liche und männliche Lust auch sehr unter­schiedlich bew­ertet wer­den…

  6. Jutta sagt:

    Sehr schön­er Artikel. Beim let­zten Tantra Artikel von Anan­da schrieb ich, dass ich es mehr als begrüßen würde, wenn Tantra an Schulen ab Gym­na­si­um gelehrt wer­den würde und das in allen Län­dern. Unsere Welt würde bess­er ausse­hen dessen bin ich mir ganz sich­er! Schade, dass dem nicht so ist.
    Lieben Gruß
    Jut­ta

  7. Ina Streu sagt:

    Der Beitrag ist so wun­der­bar wie Du, Han­na !

  8. Terje Lange sagt:

    Schön geschrieben! Und auch wahr. Danke Han­na!

  9. Birgit sagt:

    Ach, ich liebe deine Texte so hart.
    Zurzeit mache ich die Aus­bil­dung zur Frauen­masseurin. Und hab oft keine Ahnung, wie ich meinem Fre­un­des- und Fam­i­lienkreis diese Fra­gen beant­worten soll. “Warum gehen Frauen zu ein­er Frauen­masseurin?”, “Warum machst du diese Aus­bil­dung?” Es ist immer ein Eier­tanz um das The­ma Sex­u­al­ität und Erotik. — Ich bin heute auf ein­er Geburt­stagspar­ty, da wer­den die Fra­gen auch wieder kom­men. Schön, dass ich deinen Text dazu gele­sen habe. Vielle­icht hilft’s!
    Liebe Grüße, Bir­git

  10. Ina Wübbeler sagt:

    Berührende Worte von ein­er — in jed­er Hin­sicht — berühren­den Frau! Deine Worte drück­en so viel von dem aus, was ich ger­ade empfinde. Wie wichtig und richtig ist es, sich einem pro­fes­sionell aus­ge­bilde­ten Men­schen wie dir anzu­ver­trauen, der ganzheitlich denkt, fühlt und han­delt und der in der Lage ist, so fein­füh­lig, vor­sichtig, geduldig und zuge­wandt wie du es bist, sex­uelle oder andere kör­per­liche und seel­is­che Block­aden und Gefüh­le zu bear­beit­en und aufzulösen, damit durch die Heilung über­haupt erst Platz und Raum für das Fühlen und Erleben von Lust entste­hen kann. Danke für deine für­sor­gliche Begleitung und deine aus­drucksstarke und berührende Art zu schreiben, liebe Han­na!

  11. Sehr span­nend das The­ma — dazu noch so per­sön­lich geschrieben. Danke!
    Ich stelle Lust und Heilung nicht gegeneinan­der. Und, mir ist das The­ma Lust immer wieder zwei­deutig (min­destens).

    In Begeg­nung, im Sex, worum geht es mir wirk­lich? Viele, die zu mir kom­men (Sexualberatung/Tantramassage) oder — wenn ich auch von mir sel­ber sprechen darf — ich sel­ber,
    haben Sex­u­al­ität und Lust schon so stark mit­nan­der verknüpft, dass Lust schon fast als MUSS emp­fun­den wird.
    Was, wenn sich die Part­ner aber NICHT geil machen.. ? Wenn sie den­noch sich sex­uell begeg­nen, das heißt, Vagi­na und Penis zueinan­der brin­gen — ohne dass es heiß wird?
    Ganz schnell schrillen die Alar­m­glock­en, ganz schnell wird die Abwe­sen­heit von Lust und Erre­gung als Fehler­mel­dung emp­fun­den.
    Welche Tore sich seit­dem öff­nen, wo ich die “Un-lust” zulasse, wo ich den Orga­nen sel­ber Platz mache — ist unbeschreib­lich. Ich mit meinen Ansprüchen an Geil­heit und Mann­sein-Wollen,
    es der Frau gut machen zu wollen… trete zurück. Lasse den Sex zu. Es ist, wie ein­er Unter­hal­tung beizu­wohnen. Einem ineinan­der Ein­tauchen. Ein­er Art Gottes- und Göt­tin­nen­di­enst.
    Es ist nicht gegen die Lust, über­haupt nicht!
    Und den­noch habe ich meine Frageze­ichen bei diesem The­ma…

    • Hanna sagt:

      Danke für diese per­sön­lichen Worte und für die weit­eren Aspek­te, die du ein­bringst.
      Ich sehe keinen Wider­spruch zu dem, was ich geschrieben habe und zu der Art, wie ich arbeite. Auch nicht zu dem, wie ich es sel­ber, ganz per­sön­lich kenne und empfinde. Es ist befreiend, sich frei zu machen von Erwartun­gen, das gilt für die Sex­u­al­ität wie für die Intim­mas­sage (das schreibe ich ja auch). Und wenn wir in diesen erwartungs­freien Raum einge­treten sind, ent­deck­en wir ganz neue Qual­itäten. Und manch­mal ist das eben auch Lust. Eine andere Art von Lust, eine entspan­nte, tiefe Lust, die uns satt macht und nicht mit dem Gefühl zurück­lässt, dass wir mehr brauchen, dass wir den anderen/ die andere brauchen, um uns voll­ständig zu fühlen.
      Im besten Fall kann Sex­u­al­ität (oder eben auch eine Intim­mas­sage) uns das Gefühl geben, vol­lkom­men zu SEIN. Nicht mehr irgend­wohin zu müssen oder zu wollen, nicht mehr irgen­det­was anderes sein zu müssen oder zu wollen, als genau das, was wir ger­ade sind.

  12. camilla sagt:

    danke han­na für die offen­barung <3

  13. […] vom sehr per­sön­lichen und engagierten Artikel „Eine Lanze für die Lust“, geschrieben von der Ham­burg­er Frauen-Masseurin Han­na Krohn, habe ich in den let­zten Tagen viel […]

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