Splitterfasern 2: Lange Reise
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Eiszeit

Prolog

Ich mag es, wie die Flock­en sich auf mein­er Haut nieder­lassen. Nur ein Hauch von feuchter Küh­le, leicht, leise, ein­fach so. Sie meinen mich gar nicht. Sie sind ein­fach da und ich bin auch da. Sitze in ein­er Mulde und wün­sche mir, eins zu wer­den mit ihrer Selb­stver­ständlichkeit, ihrem unangestrengten Dasein, ihrer Fra­glosigkeit. Es ist so leicht, mich von ihnen ein­hüllen zu lassen. Laut­los umgibt mich ihr stetes Rieseln, ihre schw­erelose Überzahl. Die Luft um mich wird milchig und verdichtet sich zu ein­er tröstlichen weißen Decke. Mein Kör­p­er ist von ein­er flau­mi­gen Schicht über­zo­gen, die meine Kon­turen unscharf und belan­g­los macht. Wenn ich hierbleibe, werde ich mich bald in nichts mehr von mein­er Umge­bung unter­schei­den.

Risse

Ich höre Stim­men. Sie drin­gen gedämpft durch die zu Eis erstar­rten Moleküle, die mich umgeben. Die ehe­mals flauschi­gen, milchig-zarten Flock­en sind über die Jahre zu einem glasklaren Kokon gehärtet, der jed­er Wit­terung trotzt. Die Stim­men kom­men näher und ich erkenne, dass es die Stim­men mein­er Kinder sind. Sie fra­gen, wo ich bin, brauchen mich, ver­mis­sen mich. Ich sollte mich ihnen zuwen­den, für sie da sein, doch ich kann die glänzende Hülle nicht durch­drin­gen. Sie ist mein Schutz, mein Halt, mein Gefäng­nis. Und sie ist nicht nur um mich herum, sie hat sich bis unter meine Haut gefroren. Ich habe Angst, dass ich ohne sie in mich zusam­men­falle. 

Meine Ärztin kommt und fragt, was mir fehlt. Wenn ich kön­nte, würde ich lachen, denn was  soll mir fehlen? Ich bin einge­bet­tet in das heit­ere, chao­tis­che Leben ein­er Groß­fam­i­lie auf dem Lande. Tausend kleine und große Tätigkeit­en und Auf­gaben füllen meine Tage, Wochen und Monate, beschäfti­gen meine Hände und meinen Kopf. Jed­er kann sehen, wie gut ich es habe, wie ich alles richtig mache, Entschei­dun­gen tre­ffe und neue Wege gehe. Für meine Fam­i­lie. Für die Gemein­schaft. Für eine bessere Welt. 

Doch die Frage wühlt sich durch meinen Kör­p­er und stößt dort auf uner­hörte Hohlräume, überse­henes Brach­land, schmerzvolles Vaku­um. Mich schaud­ert. So ist das also: Mein Inneres ist leer, ver­waist und zusam­menge­hal­ten werde ich von einem Korsett aus Eis, das in der Sonne schillert. So will ich nicht sein, das bin ich nicht und das habe ich nicht nötig! Heiße Wut durch­strömt mich und ent­flammt meine Sinne. Ich begebe mich auf Spuren­suche nach meinem früheren Selb­st und folge der ersten Fährte, die ich finde: die der skru­pel­losen Draufgän­gerin. Meine ersten Schritte sind unge­lenk, als müsste ich das Laufen erst wieder ler­nen, aber schnell stellen sich Erfolge ein und fiebrige Energie glüht in meinen Adern. Wie das Leben in mir prick­elt und pocht, flat­tert und mit den Flügeln schlägt! 

Meine schim­mernde, kristall­harte Schale hält. Sie bekommt feine Risse und an eini­gen Stellen bilden sich Sprünge und Brüche, deren Tiefe sich nur dem­jeni­gen zeigt, der danach zu suchen wagt. Aber sie hält. Sie gibt mir weit­er­hin Schutz und ihre eben­mäßige, ver­traute Form wehrt die meis­ten Fra­gen ab. 

Foto: pri­vat

Einbruch

Ich breche ein. Ohne Vor­war­nung, ohne Über­gang, als hätte es das let­zte halbe Jahr nie gegeben. Als hätte ich meine Pirou­et­ten auf dün­nem Eis über ein­er Luft­blase gedreht. Reg­los starre ich auf die Welt jen­seits mein­er tiefge­frore­nen Behausung. Auf bunte Blät­ter, spie­lende Kinder, geschäftige Nach­barn. Der Frost dringt mir bis in die kle­in­sten Knochen, lähmt noch die let­zte Muskelfas­er. Ich habe keine Kraft mehr für mein Leben, das mir wie eine end­lose Aneinan­der­rei­hung von Schuldge­fühlen, Scham und Scheit­ern erscheint. In mir sind keine Worte mehr und kein Willen.

Meine Ärztin drückt mir einen Zettel in die Hand. Er ist DIN A5 groß und weiß — bis auf die weni­gen Sil­ben, die meine Ret­tung wer­den sollen.

Ich erin­nere mich nicht mehr, wie ich es geschafft habe, alles vorzu­bere­it­en. An Win­ter­garder­obe, Geschenke, Adventss­chmuck, Hund, Haushalt, Schule, Kinder­garten und tausend andere Dinge zu denken, damit das kom­plexe und frag­ile Sys­tem auch ohne mich rei­bungs­los weit­er läuft. Sich­er hat mir die jahre­lange Rou­tine geholfen. Als let­ztes packe ich meine Kof­fer und kaufe eine Fahrkarte.

Früh­mor­gens am Tag mein­er Abreise ste­hen alle meine Lieben am Bahn­steig und winken. Als der Zug sich in Bewe­gung set­zt, brechen endlich die Trä­nen aus mir her­aus. Die Trä­nen, die zu weinen ich mich nie getraut hat­te. Trä­nen der Dankbarkeit, ein­fach alles hin­ter mir lassen zu dür­fen.

Die Fahrt dauert viele Stun­den und mit jedem Kilo­me­ter wird mir leichter ums Herz. Ich werde von der Bahn abge­holt, bekomme einen Zim­mer­schlüs­sel, eine Hau­sor­d­nung, einen Stun­den­plan. Für alles ist gesorgt. Für mich ist gesorgt.

Ich habe nicht geah­nt, dass es einen Ort wie diesen gibt und noch weniger, dass er ein­mal Teil meines Lebens wer­den würde. Aber er tut mir gut. Die anderen tun mir gut. Wir hal­ten uns an den Hän­den, schauen uns in die Augen und sagen uns die Wahrheit. Unsere Wahrheit. Nachts, wenn ich zit­ternd vor Kälte unter drei Deck­en liege, höre ich sie. Meinen Zim­mer­nach­barn, der leise in seine Kissen schluchzt. Die Frau von gegenüber, die ruh­e­los durch die Gänge streift. Das junge Mäd­chen, das nicht aufhören kann, den Schlüs­sel im Schloss zu drehen. Und füh­le mich gebor­gen.

Tagsüber tanze ich, als wäre ich die einzige Über­lebende ein­er Naturkatas­tro­phe. Zum ersten Mal in meinem Leben berausche ich mich an Far­ben und For­men, male mich in Trance. Gefüh­le durch­strö­men mich und füllen meine Zellen mit Wärme und Licht. Erst vib­ri­eren sie nur zaghaft, dann wach­sen sie unaufhalt­sam zu ein­er Druck­welle an, die mich selig taumeln lässt. Ich suche lange nach dem richti­gen Wort dafür und finde es schließlich in ein­er mein­er vereis­ten Herzkam­mern: Glück

Fallen

Ich kann die Fam­i­lien­fo­tos nicht in mein Zim­mer stellen, den Ring nicht am Fin­ger tra­gen. Wenn Post kommt, schließe ich sie ungeöffnet in den Schrank. Ich will nur ich sein. Das ist schw­er genug.

Haben Sie Äng­ste?“ fragt meine Ther­a­peutin. Ich verneine. Aber das stimmt nicht. Mor­gens wache ich schweiß­nass auf, weil ich geträumt habe, dass jemand nach mir ruft. Die Schritte auf dem Flur vor meinem Zim­mer lassen mich auf­schreck­en. Ich weiß nicht, warum. „Was brauchen Sie von den anderen?“ fragt sie weit­er. Ich weiß es wirk­lich nicht. Ich will nichts brauchen.

Ein run­der, heller Saal, hohe Decke, Par­ket­t­bo­den. Die Musik ist so laut, dass ich den Rhyth­mus im ganzen Kör­p­er spüre. Ger­ade noch war ich stolz, mich aufgerichtet zu haben, hat­te über­glück­lich die Schw­erkraft über­wun­den, spielerisch tas­tend den freien Stand erre­icht. Doch meine winzi­gen Füße wagen sich keinen Schritt mehr voran. Um mich herum wer­den die Bewe­gun­gen immer raum­greifend­er, aus­laden­der. Nur ich bin allein. Ich darf nicht, kann nicht mit­machen. Eine Zeit lange füh­le ich noch den Impuls, zu kämpfen, doch dann sinke ich. Stilles, dun­kles Wass­er umfängt mich und ich sinke langsam immer tiefer, bis auf den Grund des Sees. 

Nichts ist selb­stver­ständlich für mich, denn ich bin nicht gewollt gewe­sen.  Meine Mut­ter badete heiß und schrubbte das Trep­pen­haus, aber der Fötus blieb, wo er war. Ich war eine Zumu­tung. Meine Eltern hat­ten sich über eine Kon­tak­tanzeige ken­nen gel­ernt, in der mein Vater sich zwanzig Jahre jünger gemacht hat. Meine Mut­ter hat sich in einen Mann ver­liebt, der ihr Vater hätte sein kön­nen. Der Vater, den sie nie ken­nen gel­ernt hat, weil er vor ihrer Geburt starb. In dem Krieg, der ihren Mann für den Rest seines Lebens trau­ma­tisiert hat. Schuld, Verzicht, Leid und Man­gel hat­ten ihrer bei­der Jugend geprägt. Leben hieß, zu über­leben, indem man die Hoff­nun­gen so lange erstickt, bis das, was übrig bleibt, einem keine Angst mehr macht. 

Und dann ein Baby. Ich habe oft gefragt, warum. Damals gab es schon die Pille, meine Eltern waren poli­tisch aufgek­lärt und mod­ern. Aber nicht im Pri­vat­en. Da herrscht­en Hil­flosigkeit und Schweigen. Als sie ihm sagt, dass sie ein Kind erwartet, lautet seine Antwort: „Dann werde ich die Ver­ant­wor­tung übernehmen.“ Auf den Hochzeits­fo­tos sieht meine Mut­ter aus wie Jack­ie Kennedy: Per­fekt gek­lei­det, angestrengt lächel­nd, zu alt für ihre jun­gen Jahre. Während der Schwanger­schaft raucht sie weit­er, weil sie gehört hat, dass das Kind dann nicht so groß und die Geburt leichter wird. Doch auch dieser halb­herzige Plan misslingt. Nach stun­den­lan­gen Wehen sagt der Arzt grin­send zu ihr: „Rein geht leichter als raus!“ Sie stillt mich nicht. Wenn sie mich füt­tert, bekomme ich immer zu wenig, denn ich soll nicht dick wer­den. Dicke Babys find­et sie hässlich. Ich bin da, weil ich ihrem Leben einen Sinn gebe. Mehr darf ich nicht sein.

Ich liege immer noch auf dem Grund meines tiefen Sees. Erstar­rt, betäubt, gelähmt. Von der Mitte des großen Saales bin ich zum Rand gegan­gen, um nicht von den wild toben­den Massen über­ran­nt zu wer­den. Der Ther­a­peut kommt zu mir und legt den Arm um mich. Er sagt: „Sie kön­nen jet­zt hier ste­hen bleiben. Das ken­nen Sie schon. Oder sie kön­nen einen Schritt nach vorne machen. Es ist Ihre Entschei­dung.“

Ich mache den Schritt.

Meine Mut­ter hat mich auf die Welt gebracht. Das Leben muss ich mir sel­ber schenken.

Anfang

Wei­h­nacht­en in der Klinik. Ich bekomme ein Päckchen von mein­er Fam­i­lie. Die Freude darüber dauert nur ein paar Meter, dann trifft mich das schlechte Gewis­sen wie eine Keule in die Kniekehlen: Wenn ich eine gute Mut­ter wäre, wäre ich jet­zt nicht hier, son­dern da. Ich würde mit meinen Kindern back­en und basteln, sin­gen und spie­len und ihnen über die vor Aufre­gung und Vor­freude rosi­gen Wan­gen stre­ichen, statt durch end­lose Trüm­mer­felder zu irren. Ich hätte ihnen ein Haus aus Liebe gebaut, ein lebendi­ges, buntes Schmetter­ling­shaus, in dem sie die Gebor­gen­heit und Unter­stützung erhal­ten, die ich mir sel­ber immer gewün­scht habe. Dabei war ich so sich­er, alles anders und bess­er gemacht zu haben. Und habe doch das Offen­sichtliche überse­hen: Sucht, Respek­t­losigkeit, Lügen, Abhängigkeit, Schweigen, Angst. 

Eines Abends klopft der Pirat an meine Tür. Sie zer­split­tert. Wir segeln unter den Ster­nen und der Mond scheint auf meine blasse Haut bis sie blüht.

Der Win­ter ist noch nicht zu Ende, doch das Eis ist geschmolzen. Trübe hängt die Luft über den Feldern. Sie riecht nach Gülle und Rauch. Strup­piges Grün und stop­peliges Braun ver­schmelzen mit nack­tem Grau. Dazwis­chen fan­gen vere­inzelte Schneefleck­en meinen Blick. Ich weiß nicht, was schw­er­er zu ertra­gen ist: Far­ben, die nur noch ein Schat­ten ihrer selb­st sind, bis zu Unken­ntlichkeit aus­ge­laugt und ineinan­der geflossen oder ihre absolute Abwe­sen­heit. 

An einem Mittwoch bin ich abge­fahren und an einem Mittwoch komme ich zurück. Wenn ich daran denke, sehe ich den Haupt­bahn­hof vor mir. Die vie­len Gleise, die Zugluft, riesige Wer­be­plakate. Dabei bin ich doch noch ein let­ztes Mal umgestiegen, um wieder ein Stück aus der großen Stadt her­aus zu fahren. Aber vielle­icht bin ich nicht da angekom­men, wo ich aus­gestiegen bin. Bin nicht in mein Auto gestiegen und habe mich nicht zurück brin­gen lassen in mein altes Leben. 

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