Ein Lob auf die Stiefmutter
15. Juni 2020

Diesen Text habe ich vor fast vier Jahren geschrieben, in ein­er sehr aufre­gen­den Phase meines Lebens. Jet­zt bin ich ein­er anderen Phase, die auf andere Art aufre­gend ist und ich denke gerne an die Zeit zurück, die ich hier beschrieben habe:

Es ist immer wieder eine Her­aus­forderung für mich, zu schreiben, ohne mich zu recht­fer­ti­gen. Dieser Reflex ist so tief ver­ankert – vielle­icht ist das wirk­lich das Schwierig­ste: ein­fach alles aufzuschreiben und nebeneinan­der ste­hen zu lassen, mich nicht zu erk­lären. Es spricht  nichts dage­gen, mich zu reflek­tieren, das mache ich, zur Genüge. Aber dieses Gefühl, dass irgen­det­was an dem, was ich tue und empfinde in sein­er ganzen Wider­sprüch­lichkeit und Ambivalenz nicht richtig sei und der Rel­a­tivierung und Erk­lärung bedürfe oder mein­er Leser­schaft nicht zuge­mutet wer­den könne, das ver­suche ich immer wieder zu ent­tar­nen, wenn es sich here­in­schle­icht in meinen Kopf und mich am Schreiben hin­dern will.

Wenn ich mich frage, wie es sein kann, dass das, was ich mir aus vollem Herzen wün­sche, mir manch­mal so große Angst macht oder wie ich von tiefer Verun­sicherung, Trauer und Zurück­ge­zo­gen­heit zu flir­ren­der Neugierde und schillern­dem Selb­st­be­wusst­sein chang­ieren kann, dann denke ich an Rilke, der schrieb:

Man muss Geduld haben
mit dem Ungelösten im Herzen,
und ver­suchen, die Fra­gen sel­ber lieb zu haben
,

wie ver­schlossene Stuben,
und wie Büch­er, die in ein­er sehr frem­den Sprache geschrieben sind.

Es han­delt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fra­gen lebt,
lebt man vielle­icht
allmäh­lich,
ohne es zu merken,
eines frem­den Tages
in die Antworten hinein.

Rain­er Maria Rilke

Ich ver­suche, mich wie eine Frage zu lieben, statt mich in Antworten zu zerpflück­en. Dafür schreibe ich.

Doch nun zu der Geschichte, die ich euch erzählen will:

Nach langer Skep­sis bin ich seit einem Jahr bei einem großen Erotik-Por­tal angemeldet und tum­mele mich dort in Gesellschaft von zwei Mil­lio­nen Men­schen, die ihre Sex­u­al­ität auf ganz unter­schiedliche Weise leben. Das ist sehr span­nend, am span­nend­sten finde ich es aber wieder mal, mich sel­ber zu beobacht­en. Ich habe in dieser Zeit ver­schiedene Phasen durchgemacht. Ich habe das Por­tal teils aktiv und teils pas­siv genutzt, ein halbes Jahr lag mein Pro­fil ganz still, weil ich in ein­er Beziehung war. Ich habe meine Selb­st­darstel­lung immer wieder an meine jew­eili­gen Wün­sche und Bedürfnisse angepasst und dementsprechend unter­schiedliche Res­o­nanz erhal­ten. Im Früh­som­mer hat­te ich eine Phase, in der ich es mir zum ersten Mal in meinem Leben erlaubt habe, mich ganz frei auszupro­bieren. Ich nahm mir Zeit dafür und es machte mir Spaß. Ein Fre­und brachte es auf den Punkt, als er schrieb: „Als hättest du dir eine 10er-Karte fürs Kino gekauft!“

Wenn ich mich von einem Pro­fil ange­sprochen fühlte, nahm ich Kon­takt auf. Ich war neugierig, ich wollte her­aus­find­en, worauf ich eigentlich  wirk­lich ste­he, unter welchen Umstän­den ich Anziehung und Lust empfinde. Ich verabre­dete mich auch mit Män­nern, von denen ich früher dachte, sie wären nichts für mich (zu jung, zu attrak­tiv, zu weit ent­fer­nt von mein­er intellek­tuellen oder sozialen Fil­terblase), die ich im nor­malen Leben nicht ken­nen­gel­ernt hätte, und ich machte dabei ganz viele neue Erfahrun­gen. Manche bestätigten meine Hypothe­sen und manche wider­legten sie, manche waren lang­weilig, manche großar­tig, manche führten zu neuen Fra­gen und manche zu über­raschen­den Erken­nt­nis­sen. Manch­mal hat­te ich Sex, oft aber auch nicht. Manch­mal ent­standen bere­ich­ernde, inten­sive Kon­tak­te, mal habe ich mich nach ein­er Stunde wieder ver­ab­schiedet. Ich kon­nte mich auf mein Bauchge­fühl ver­lassen und war endlich selb­st­be­wusst genug, meine Wün­sche und Entschei­dun­gen zu vertreten.

Schlechte Erfahrun­gen habe ich übri­gens nicht gemacht. Es ist auf so ein­er Plat­tform nicht schw­er, Män­nern aus dem Weg zu gehen, die sich Pro­fil­na­men geben wie ein Pornos­tar, die Schwanz-Self­ies für ero­tisch hal­ten oder ein zur Kon­tak­tauf­nahme in  die Tas­tatur ger­auntes „cu“ für eine Botschaft, die den Puls ein­er Frau in die Höhe treibt.

Aber zurück zum Som­mer: Irgend­wann war die Zeit des Stre­unens vor­bei. Mein Instinkt schien mich ver­lassen zu haben, die Aus­geh-Abende ver­liefen immer häu­figer zäh statt prick­el­nd, ich war nicht mehr ges­pan­nt auf neue Akteure im sel­ben Plot, son­dern über­drüs­sig. Ich hat­te genug. Jed­er weit­ere Schritt in diese Rich­tung hätte mich nicht näher zu mir hin, son­dern weit­er von mir wegge­führt. Ich bin froh, dass ich auch das inzwis­chen mitkriege. Und ich weiß auch, dass sich dieselbe Sache ganz anders anfühlen kann, je nach­dem, ob es mir gut geht oder nicht, ob ich in der Fülle bin oder im Man­gel.

Ich hat­te also nicht mehr 2–3 Verabre­dun­gen in der Woche son­dern nur noch alle paar Wochen eine. Dabei kam dann mal eine beson­dere Nacht her­aus und mal mein erstes pro­fes­sionelles Akt-Foto­shoot­ing. Und am let­zten Woch­enende mein erster Besuch auf ein­er Erotik-Par­ty.

Um die ganze Swinger- und Club-Szene hat­te ich bis­lang einen Bogen gemacht, aber der Bogen wurde klein­er, seit ich Men­schen ken­nen­lernte, die damit Erfahrung haben. Ich wollte mir sel­ber ein Bild machen und wartete auf den richti­gen Moment. Neulich Abend chat­tete ich mit einem Bekan­nten, den ich über besagtes Erotik-Por­tal kenne und er schlug vor, zwei Tage später zu ein­er großen Tanz­par­ty in ein­er Loca­tion zu gehen, die u.a. für BDSM-Ver­anstal­tun­gen aus­gelegt ist. Auf diesen Par­tys ist alles erlaubt, im Vorder­grund ste­hen aber Tanz und Musik, Sehen und Gese­hen­wer­den. Das klang nach dem ide­alen Ein­stieg für eine uner­fahrene, intro­vertierte End­vierzigerin ohne „spe­cial inter­ests“, die nicht mal High Heels, geschweige denn irgendwelche friv­olen Klei­dungsstücke im Schrank hat. Ohne lange nachzu­denken schlug ich ein. Am näch­sten Mor­gen erschrak ich vor mein­er eige­nen Courage und fing an, mir wegen des Dress­codes Stress zu machen. Doch dann beschloss ich, den Stress sein zu lassen, etwas anzuziehen, worin ich mich wohlfüh­le und mich ein­fach auf eine tolle Par­ty in anre­gen­der Gesellschaft zu freuen.

Es war gegen elf, als sein Auto in der Nähe der Auto­bah­naus­fahrt neben meinem hielt und wir ausstiegen um uns zu küssen, genau wie beim let­zten Mal, vor einem Jahr.

Wir sahen aus wie die Schöne und das Biest – er im Goth­ic-Stil, ich im weißschim­mern­den Abend­kleid mit tiefrot geschmink­ten Lip­pen. In seinem Wagen lief Goa-Musik und auf der Mit­telkon­sole stand ein riesiger Cof­fee-to-go Bech­er. Wir sprachen nicht viel auf der Fahrt in das Gewer­bege­bi­et auf der anderen Seite der Stadt. Ich war aufgeregt und schon jet­zt sehr erregt.

Um Mit­ter­nacht standen wir vor einem unschein­baren Büro­ge­bäude, die Straße war kom­plett zugeparkt und an Ein­lass warteten etwa zwanzig Per­so­n­en. Die Stim­mung um uns herum war gedämpft, aber lock­er und an der Garder­obe kamen unter den lan­gen Män­teln und Jack­en viel nack­te Haut, Lack, Led­er und Met­all zum Vorschein. Neben mir enthüllte eine kleine, rundliche Frau in den Fün­fzigern zwis­chen ein­er Unter­brustko­r­sage und einem bre­it­en Hals­band mit D‑Ring stolz ihren üppi­gen Busen und als ich ihr anerken­nend zulächelte, lächelte sie zurück.

Es war voll, die Musik dröh­nte und er führte mich an der Hand durch das Gedränge, trep­pauf, trep­pab, über Gale­rien und Emporen, durch große und kleine Säle und Hallen, Tanzflächen, Bars und Sitzeck­en, vor­bei an aufwändig gestal­teten Räu­men  mit Gerätschaften, deren Ver­wen­dungszweck ich bis­lang nur vom Hören­sagen  kan­nte: Streck­bänke, Böcke, Käfige, Slings, Ket­ten, Seile, Peitschen. Er suchte nach einem Raum mit ein­er Tür, aber der einzige den er fand, war schon belegt. Durch einen Spalt zwis­chen den großen, hölz­er­nen Tür­flügeln sah ich, wie sich im Zwielicht ein nack­tes Pärchen auf einem Podest bewegte.

Also wan­del­ten wir weit­er, tanzten, ver­weil­ten hier und da um zu guck­en, tranken einen Cock­tail, immer zwis­chen mehr oder weniger bek­lei­de­ten Men­schen, die miteinan­der tat­en, wonach ihnen war. Mein weißes Kleid stach im Halb­dunkel zwis­chen all den schwarz gek­lei­de­ten Gestal­ten her­aus. Die Män­ner waren in der Überzahl, sie sucht­en meinen Blick, berührten mich aber nicht und ich spürte meinen Begleit­er stets an mein­er Seite. Ich fühlte mich wohl, der Umgang war respek­tvoll und diskret.

Schließlich posi­tion­ierten wir uns auf einem Led­er­so­fa vor dem Raum mit der hölz­er­nen Flügeltür, aus dem immer noch oder schon wieder rhyth­mis­ches Stöh­nen drang. Ich stützte meine Arme auf die stein­erne  Balustrade und beobachtete,  wie zwei Eta­gen unter mir eine Frau auf der Streck­bank kauernd unter wohli­gen Seufz­ern von ein­er anderen Frau gefüh­lvoll mit einem Strap-On bear­beit­et wurde, während eine Dritte sie im Arm hielt. Sie macht­en das wirk­lich gut.

Die Luft war zum Schnei­den hier oben, schwül, feucht, gesät­tigt von den Auss­chwei­fun­gen der ver­gan­genen Stun­den. Mein Begleit­er zog mich runter zu sich auf das Sofa und begann langsam, den dün­nen, geschmei­dig-glänzen­den Stoff meines gewick­el­ten Klei­des von meinen Run­dun­gen zu streifen. Eine Frau im Body­suit beugte sich im Vorüberge­hen zu mir und sagte: „Du liegst da wie die Venus im Mond­schein.“ Es war höch­ste Zeit, dass die Flügeltür hin­ter uns mit einem laut­en Knarzen geöffnet wurde und wir uns zum Bedauern der Umste­hen­den zurückziehen kon­nten.

Wir bestiegen das rot beleuchtete Podest und nach einem Griff in die Box mit den Hygie­n­eartikeln fie­len wir auf der mit schwarzem Kun­stled­er bezo­ge­nen Matratze übere­inan­der her. Mir war völ­lig klar, dass die Anmu­tung von Pri­vat­sphäre, die diese Kam­mer bot, nur ein faden­scheiniger Deck­man­tel über meinem let­zten Rest an Hem­mungen war, zumal die Tür immer wieder geräuschvoll geöffnet und geschlossen wurde.

Ich habe es genossen.

Wir wären gerne noch länger unter uns geblieben, aber das Gemurmel der Wartenden schwoll an und so zogen wir uns wieder an und beeil­ten uns, zu der großen Tanzfläche zu kom­men, denn dort lief ger­ade die Musik, die wir bei­de am lieb­sten mögen. Ich fing an, mich in der Menge zu bewe­gen und jet­zt fühlte ich mich nicht mehr wie eine Außen­ste­hende, son­dern dazuge­hörig. Mein Blick ging nicht mehr ober­fläch­lich über die anderen hin­weg, son­dern ich achtete auf Details, ich sah in die Gesichter, ich bewegte mich frei und gelöst. In der Mitte tanzte eine split­ter­nack­te Frau mit nichts als ein­er lan­gen Gold­kette um den Hals. Sie sah glück­lich aus. Homo, het­ero, bi, trans, alt, jung – jed­er zeigte sich so, wie er sich gefiel, wie es seinem sex­uellen Selb­st entsprach und tat das, wonach ihm ger­ade war. Genau, wie ich es getan hat­te.

Ich hat­te alles Mögliche erwartet: Dass es mich abstoßen und ekeln würde, dass ich es kün­stlich, aufge­set­zt und unäs­thetisch find­en würde, dass ich mich als Objekt fühlen würde, dass ich vielle­icht sog­ar die Kon­trolle über mich ver­lieren und mich in irgen­deinem orgiastis­chen Getüm­mel wiederfind­en würde. Aber diese wogende, schwitzende, ent­fes­selte Masse mit den leuch­t­en­den Augen und den seli­gen Zügen erschien mir plöt­zlich nicht mehr fremd und bedrohlich, son­dern wahrhaftig. Wahrhaftiger als Vieles, was ich in meinem All­t­ag zu sehen bekomme.

Ich war angekom­men. Ich hat­te mal wieder eine Schwelle über­schrit­ten, mir ein weit­eres Stück von diesem grandiosen, bun­ten, prallen, safti­gen Leben erschlossen. Und das näch­ste Mal will ich mich auch äußer­lich ver­wan­deln. Ich will irgend­was anziehen, was ich son­st nie anziehen würde, irgend­was Extrav­a­gantes, Funkel­ndes, Gewagtes, Unprak­tis­ches, Bur­lesques, was meinem sex­uellen Selb­st entspricht. Ich werde schon noch her­aus­find­en, was das ist.

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