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Für meine Sexualität sind die Wechseljahre ein Segen!

Foto: Claudio Ahlers

Wie bitte? Ja, du hast richtig gelesen. Für mich ist diese Zeit wie eine ganz persönliche sexuelle Revolution. Ich fühle mich kompetent, selbstsicher und gelassen — endlich!

Es fing damit an, dass ich mit Anfang 40 die Pille abset­zte, weil ich sie nicht mehr vertrug und dadurch über­haupt erst merk­te, dass mein Zyk­lus unregelmäßig wurde. Das war ein biss­chen schade, weil ich ger­ade erst zu ver­ste­hen begonnen hat­te, welche Bedeu­tung mein Kör­p­er für mein ganzes Da-sein hat und dass ins­beson­dere meine Blu­tung mehr war als eine lästige Ran­der­schei­n­ung mein­er kopflasti­gen Exis­tenz. Doch gle­ichzeit­ig war das der Beginn ein­er neue Ära, in der meine Sex­u­al­ität endgültig von mein­er Frucht­barkeit entkop­pelt war. Die lei­di­ge Ver­hü­tungs-Prob­lematik ent­fiel und meine Lust auf Sex, die mein Erwach­se­nen­leben lang durch kün­stliche Hor­mone niederge­hal­ten wor­den war (unter­brochen von Phasen der Schwanger­schaft und des Stil­lens), nahm streck­en­weise eine Wucht an, die mich schi­er über­wältigte.

Darf ich das?

Seit mein Kör­p­er mit 13 frauliche Kon­turen angenom­men hat­te, war ich mir oft genug vorgekom­men, als wäre ich in der Mitte eines Autoscoot­ers aus­ge­set­zt wor­den, aber nun fühlte ich mich endlich in Besitz ein­er eige­nen Karosserie und fand Gefall­en daran, am Steuer zu sitzen. Nach end­losen Jahren der Lust­losigkeit und Über­forderung war ich unbändig neugierig und das Einzige, was mir zu schaf­fen machte, war die Frage: “Darf ich das?”

Inzwis­chen füh­le ich mich so frei wie nie in meinem Leben, zu tun was mir gefällt und zu lassen, was mir nicht behagt. Ich habe gel­ernt, „Ja“ zu sagen und ich habe gel­ernt, „nein“ zu sagen und ich ver­spüre immer sel­tener den Drang, mich für irgend­was zu recht­fer­ti­gen oder zu entschuldigen. Das hat sich­er mit den Hor­mo­nen zu tun (mehr Testos­teron! weniger Östro­gen!) und auch mit meinem per­sön­lichen Entwick­lungsweg (Aus­bil­dun­gen in Tantra­mas­sage und Sex­u­alther­a­pie, beru­fliche Selb­ständigkeit), aber nicht nur. Das hat auch damit zu tun, dass mein Kör­p­er geal­tert ist und ich von meinem Umfeld anders behan­delt werde. Das wurde mir neulich Mor­gen klar, als ich mal wieder einen Artikel über den Wein­stein-Skan­dal las. In dem Text wur­den die Erleb­nisse von 35 Frauen zum Teil detail­liert beschrieben und in mir stiegen Erin­nerun­gen hoch, Bilder, Gefüh­le.

Foto: Clau­dio Ahlers

Plöt­zlich fiel mir auf, dass ich das alles lange nicht mehr erlebt habe und was für eine Erle­ichterung das ist. Es kommt nicht mehr vor, dass ein vierzig Jahre älter­er Men­tor mir die Zunge in den Hals steckt, nach­dem er mich nach Hause gebracht hat. Es kommt nicht mehr vor, dass ein Fre­und meines Vaters nach dem Nach­hil­fe­un­ter­richt mit mir zu schlafen begehrt. Es kommt nicht mehr vor, dass ein Vorge­set­zter am näch­sten Mor­gen im Büro damit prahlt, wir hät­ten die Nacht zusam­men ver­bracht, obwohl wir nur ein Bier trinken waren. Und so weit­er und so fort.

Ständig wie ein Objekt behan­delt, ständig auf mein Geschlecht und meinen Kör­p­er reduziert zu wer­den, hat­te etwas gemacht mit mir. Es hat­te mich ein­er­seits mis­strauisch, unsich­er und befan­gen gemacht und ander­er­seits borniert, denn ich dachte wirk­lich, dass alle Män­ner Sex mit mir wollen. Immer und aus­nahm­s­los. Sex­u­al­ität war für mich weniger etwas Kör­per­lich­es, ein sinnlich­es Spiel mit Energien, mit Lust und Genuss. Häu­fig war es ein Tausch, es ging um Macht, Bestä­ti­gung, Aufmerk­samkeit, Abhängigkeit oder die Aufrechter­hal­tung des sta­tus quo. Manch­mal war das ein Kick, doch meis­tens war mein Orgas­mus gespielt.

So wenig ich über meinen eige­nen Kör­p­er wusste, so wenig kon­nte ich mich in meinem Gefühlsleben und in dem sozio-kul­turellen Set­ting, das mich als Frau umgab, zurechtfind­en. In der Kon­se­quenz habe ich viele unan­genehme Erfahrun­gen gemacht und mich schließlich immer mehr zurück­ge­zo­gen. Was blieb, war eine vage Sehn­sucht nach dem, was zwis­chen all den Wirrnissen, Ver­let­zun­gen, Über­sprung­shand­lun­gen und Über­grif­f­en manch­mal durchge­blitzt war: ungetrübte Momente, in denen Kör­p­er, Geist und Seele in Deck­ung waren, in denen ich mich richtig und wohl gefühlt hat­te, in denen ich erregt und lustvoll war und keinen Preis dafür bezahlen musste.

Lust und Genuss beim Sex haben nichts mit dem body mass index zu tun!

Foto: Clau­dio Ahlers

Jet­zt, da ich auf die 50 zuge­he und mein Leben deut­liche Spuren auf meinem Kör­p­er hin­ter­lassen hat, da ich nicht nur dreifache Mut­ter, son­dern auch Stief-Oma bin und meine Jüng­ste beim Kuscheln fest­stellt, dass mein Bauch “so schön flauschig” sei, kann ich euch ver­sich­ern, dass Lust und Genuss beim Sex nichts, aber wirk­lich gar nichts mit dem body mass index zu tun haben oder damit, ob mein Busen hängt und mein Po wabbelt. Beim Sex geht es darum, wie es sich anfühlt, nicht darum, wie es aussieht. Ich genieße meine Sex­u­al­ität mehr als je zuvor. Sie ist bess­er als mit 20, als ich dachte „Ich bin jung und hüb­sch, das reicht wohl!“, weil ich keine Ahnung hat­te. Sie ist bess­er als mit 30, als ich nicht wusste, wie ich den Rol­len­er­wartun­gen an mich als Mut­ter und Geliebte gle­ichzeit­ig gerecht wer­den sollte. Sie ist bess­er als mit 40, als ich wäh­nte, dass nun alles vor­bei sei, weil ich nicht mehr aus­sah wie 20.

Wenn ich daran denke, wie sehr Äußer­lichkeit­en wie ein ver­meintlich­es “zuviel” oder “zuwenig” an gewis­sen Stellen oder Dehnungsstreifen, Cel­luli­tis, Fal­ten & Co. schon in jun­gen Jahren mein Kör­perge­fühl beherrscht haben, werde ich wütend auf unsere Gesellschaft und ihr idi­o­tis­ches Schön­heit­side­al. (In diesem Zusam­men­hang kann ich euch den Film “Embrace” empfehlen, der ist wirk­lich heil­sam!)

Inzwis­chen habe ich Sex, weil ich Lust auf Sex habe und aus keinem anderen Grund. Er hat für mich einen Wert an sich, er belohnt sich durch sich selb­st und nicht vor­wiegend durch seinen emo­tionalen und sozialen Mehrw­ert. Das klingt selb­stver­ständlich, aber es ist alles andere als selb­stver­ständlich, wie mir fast täglich Frauen in mein­er Prax­is bericht­en.

Es fällt es mir jet­zt viel leichter, das zu sehen, was hin­ter der Fas­sade ist. Hin­ter mein­er und hin­ter der von anderen Men­schen. Zu erken­nen, was das Bedürf­nis hin­ter dem Bedürf­nis ist. Ver­ant­wor­tung zu übernehmen für mich und meine Sex­u­al­ität.

Bess­er spät als nie!”, denke ich oft.

Dies ist übri­gens ein Beitrag zu ein­er Blog­pa­rade unter dem Titel „Meine Wech­sel­jahre und ICH auf Lemon­days, einem sehr lesenswerten Blog über die Wech­sel­jahre. Dort sind noch viele andere per­sön­liche Texte zu find­en, unter anderem “Lust und Genuss in der Menopause?! Hell yes!!!” von Anan­di Iris Mit­tnacht, der sich auch mit der Sex­u­al­ität in und nach den Wech­sel­jahren befasst und den ich dir sehr ans Herz leg­en möchte.

2 Kommentare

  1. Liebe Han­na,
    vie­len Dank für deinen offe­nen und ermuti­gen­den Text!
    Er lässt mich ein­mal mehr die Sehn­sucht danach spüren, auf allen Ebe­nen — also auch der sex­uellen — noch mehr ich selb­st zu sein.
    Und ich werde dieser Sehn­sucht weit­er­hin fol­gen. <3
    Her­zliche Grüße
    Andrea

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