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Ist Fragen fad und Zögern zickig?

Frau, die den Kopf mit geschlossenen Augen in der Armbeuge hat

Foto: Claudio Ahlers

Kaum etwas ist so ero­tisch für mich, wie (in der richti­gen Sit­u­a­tion) gefragt zu wer­den: „Darf ich dich küssen?“ Und mir dann einen Moment Zeit zu nehmen für die Antwort. Nicht aus einem Spiel­trieb her­aus, son­dern um all das zu spüren, was es in diesem Moment zu spüren gibt: Das Flat­tern im Bauch und das Zit­tern der Lip­pen. Die Unsicher­heit und das Ver­lan­gen an dieser Schwelle von Intim­ität und Fremd­heit. Die Sehn­sucht nach mehr und die Angst vor zu viel. Und dann mit einem „Ja“ meine Bere­itschaft, meinen Willen, meine Lust zu offen­baren. Wenn ich zurück­denke, waren das die Küsse, die die größte Magie ent­fal­tet haben und an die ich mich hof­fentlich bis an mein Lebensende erin­nern werde.

Viele waren es nicht. Es gilt als fad, zu fra­gen und es gilt als zick­ig, zu zögern. Ein großer Irrtum! Die span­nen­den Sachen passieren oft dann, wenn ger­ade mal nichts passiert. Sie entste­hen, wenn ich nur so schnell agiere, wie ich auch fühlen kann. Wenn ich eine Gren­ze nicht nieder renne oder umge­he, son­dern an ihr ver­weile und mich ihr stelle. In dieser Ver­langsamung kön­nen sich in ein paar Sekun­den unzäh­lige Facetten spiegeln und zur Essenz verdicht­en.

So rar diese Erleb­nisse in meinem Pri­vatleben sind, so alltäglich sind sie in mein­er Arbeit. Die Frauen, die zu mir kom­men, begeben sich in eine Aus­nahme­si­t­u­a­tion, sie betreten ein Ter­rain, das nicht nur außer­halb ihrer eignen Kom­fort­zone, son­dern auch weitab der gesellschaftlichen Norm liegt. Schon seit sie das erste Mal auf mein­er Home­page waren, haben sie eine Menge Gren­zen über­schrit­ten. Das macht unsich­er und ver­let­zbar. Meine Auf­gabe ist es, dafür einen Raum zu schaf­fen, der so sich­er und klar wie möglich ist. Einen Rah­men, in dem sie das ver­meintlich Neue, Fremde, Abwegige als etwas erleben kön­nen, was ein Teil von ihnen ist. Ein natür­lich­er Zus­tand, den sie in sich wiederfind­en kön­nen.

Schon bevor meine Klientinnen meine Praxis betreten, überschreiten sie eine Menge Grenzen.

Und umso drin­gen­der ihr Wun­sch nach Verän­derung ist, umso wichtiger ist es, der Ver­suchung zu wider­ste­hen, die Dinge beschle­u­ni­gen zu wollen. Denn dann passiert vielle­icht tat­säch­lich zunächst ein­er von diesen „Wow!“-Effekten, ein­er von diesen Sen­sa­tion­s­mo­menten, bei denen Gren­zen gesprengt und Block­aden gebrochen wer­den. Schon die Begrif­flichkeit­en lassen ahnen, dass hier etwas nicht organ­isch geschieht, son­dern durch einen inva­siv­en Akt her­beige­führt wird. Das ist das, wovon nicht nur viele Ther­a­peuten, Heil­er und Grup­pen­leit­er träu­men, son­dern auch viele Klien­ten, Patien­ten und Teil­nehmer. Und dann? Wieder daheim, erscheint ihnen diese Erfahrung wie eine exo­tis­che Insel im eige­nen Leben. Wie sind sie bloß dor­thin gelangt? Und wie kom­men sie von dort wieder weg? Ich ver­ste­he meine Ange­bote wie einen roten Tep­pich, den ich vor meinen Kli­entin­nen aus­bre­ite. An welch­er Stelle und in welchem Tem­po sie über ihn schre­it­en, entschei­den sie selb­st. Die Brech­stange ist da fehl am Platz.

Wenn ich für mich in Anspruch nehme, dass meine Arbeit eine Wirkung und einen Nutzen hat, dann hat sie auch das Poten­zial, Schaden anzuricht­en. Und viele „Beschädi­gun­gen“ entste­hen dadurch, dass nicht aktiv ein Kon­sens darüber getrof­fen wird, was geschehen soll. Wir sind es gewohnt, „mitzus­pie­len“. Ein „Spielverder­ber“ ist der­jenige, der nicht mit­spielt. Nicht der­jenige, der ein blödes Spiel anfängt. Oder der­jenige, der mit­macht und sich hin­ter­her mies fühlt. Aber nur, wenn ein „Nein“ jed­erzeit möglich ist, kann es über­haupt jemals ein wirk­lich­es „Ja“ geben. Darum weiß ich, dass ich alles richtig gemacht habe, wenn eine Kli­entin bei mir eine Yon­i­mas­sage gebucht hat und dann an einem bes­timmten Punkt sagt, dass sie hier und heute nicht weit­er berührt wer­den möchte. Oft ist es das erste Mal in ihrem Leben, dass sie ihre Gren­ze spüren kann und weiß, dass sie sie aussprechen darf. Das ist ein großer Erfolg!

Der Respekt vor meinen eigenen Grenzen machte aus einem “missglückten” Date eine wertvolle Erfahrung

Frau, die den Kopf zur Seite dreht

Ich sel­ber hat­te so ein Erfol­gser­leb­nis, als ich nach über 20 Jahren wieder als Sin­gle unter­wegs war und meine ersten Gehver­suche beim Dat­ing machte. In meinen Zwanzigern hat­te ich mich meist entwed­er sehr schnell ein­ge­lassen oder über­haupt nicht, weil ich genau diesen Zwis­chen­raum, den ich inzwis­chen so schätze, nicht gut hand­haben kon­nte. Sobald ich „A“ gesagt hat­te, nah­men die Dinge ihren Lauf. Das wollte ich jet­zt anders machen und die Bewährung­sprobe ließ nicht lange auf sich warten: An einem lauen Som­mer­abend saß ich mit einem sym­pa­this­chen Kan­di­dat­en bei Tapas und einem Glas Wein. Zwei Stun­den später set­zten wir die Unter­hal­tung auf seinem Balkon fort und wenig später erre­icht­en wir „first base“. Diese in den USA sehr beliebte Meta­pher aus dem Base­ball drückt aus, dass der Ver­lauf des Dates ein­er unaus­ge­sproch­enen, aber all­ge­mein bekan­nten und als ide­al­typ­isch ange­se­henen Dra­maturgie fol­gte.

Daran ist nichts Falsches, so lange das, was man tut mit dem, was man fühlt, in Deck­ung ist. Als ich kurz darauf halb­nackt auf seinem Bett lag, war das plöt­zlich nicht mehr der Fall. Keine Ahnung warum, aber mein Lust-Faden war geris­sen und ich spürte keinen Kon­takt mehr zwis­chen uns. Ich hielt inne und atmete tief durch. Was nun? Für einen Augen­blick habe ich erwogen, ein­fach weit­erzu­machen. Ein kurzes, heftiges Schaus­piel darzu­bi­eten, um diese missliche Sit­u­a­tion zu dem Abschluss zu brin­gen, der im Skript für so einen Abend vorge­se­hen ist. Einen weit­eren tiefen Atemzug später hat­te ich entsch­ieden, dass das für mich nicht mehr in Frage kam. Ich habe also gesagt, was es zu sagen gab und er hat sich für meine Ehrlichkeit bedankt.

Die in sein­er Woh­nung ver­streuten Klam­ot­ten zusam­men­zusuchen, mich anzuziehen und zu ver­ab­schieden – das war eine Sit­u­a­tion, für die ich kein Skript hat­te und in der ich mich nicht son­der­lich grandios gefühlt habe. Aber als ich dann endlich wieder auf der Straße stand und durch die let­zten Strahlen der Abend­sonne zu meinem Auto ging, da fand ich mich abso­lut fan­tastisch! Ich bin mir sel­ber immer noch dankbar für diesen Abend und ihm auch, denn auch er hat alles richtig gemacht. Mit der Erfahrung, eine intime Inter­ak­tion zu jedem Zeit­punkt been­den zu kön­nen, begebe ich mich seit­dem viel freier und offen­er in einen Raum der Möglichkeit­en hinein.

Ob eine Begeg­nung Magie ent­fal­tet, ist unkalkulier­bar. Aber der Mut zur bewussten Entschle­u­ni­gung und der Respekt vor Gren­zen entschei­den über ihren Wert und ihre Qual­ität.

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Sehr auf­schlussre­ich fand ich in diesem Kon­text das “Wheel of Con­sent” von Bet­ty Mar­tin und ihr “3-Minuten-Spiel” ist gut geeignet, um zu erfahren, wie gut sich Kon­sens anfühlen kann.

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Mehr zum The­ma “Gren­zen — respek­tieren oder über­schre­it­en?” find­est du im Tantranetz.

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