Kann ich mich jetzt bitte nackt ausziehen?”
23. Juni 2019
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Mitten ins Herz

Diese Stadt ist zu klein für mich und ihn!“, denke ich, als wir an der Alster vor­beikom­men. Es ist Fre­ita­gnach­mit­tag, neben mir sitzt meine Fre­undin und knetet nervös ihre Hände, weil sie gle­ich ihren ersten Roman vorstellen wird. Vor uns sitzt ihr Mann und lenkt den Wagen durch den Feier­abend­verkehr. Ich war lange nicht in mein­er Heimat­stadt.

Ich habe den Som­mer in meinem Haus ver­bracht. Ein end­los­er Som­mer am Schreibtisch, auf der Dachter­rasse, im Bett. Allein. Und jet­zt werde ich durch die Gegen­den gefahren, in denen die Insta­gram-Bilder von diesem Som­mer ent­standen sind, den er mit ihr in dieser Stadt ver­bracht hat: Ves­pa-Fahren, Kirschblüten, Strand­per­le, Straßen­fest, Alsterkanäle – seine Hand an ihrer Wange, frisch ver­liebt, eupho­risch, bejubelt von seinen Fre­un­den. Ein Live-Stream all dessen, was ich mir mit ihm gewün­scht habe. Auf den Fotos lacht sie so, wie ich gelacht habe, wenn er mich zum Lachen gebracht hat.

Wir streifen auch Eck­en, die mich an die bei­den Som­mer davor erin­nern, an meine Aus­flüge in die Stadt, zu ihm. Der ver­schlafene Vorort-Bahn­hof, bei dem ich mein Fahrrad angeschlossen habe, in der Hoff­nung, dass es am näch­sten Tag noch dort ste­ht. Die Bank­fil­iale in seinem Vier­tel, bei der ich die ersten Barein­nah­men mein­er Selb­ständigkeit eingezahlt habe. Wie wir vor seinem Umzug seine paar Hab­seligkeit­en in Kar­tons geräumt haben. Der Kinobe­such, bei dem sein Fre­und mir den Platz neben ihm ange­boten hat. Die Nacht, in der ich nach einem gescheit­erten Ablö­sungsver­such sturztrunk­en mit dem Taxi zu ihm gefahren bin. Die Kom­mode in seinem Flur, auf der unsere Handys nebeneinan­der über­nachtet haben. Das schnelle Früh­stück an seinem kleinen, alten Holztisch oder beim Bäck­er um die Ecke, bevor er mich auf dem Weg zu ein­er sein­er Ex-Frauen und einem sein­er Kinder an der U‑Bahn abge­set­zt hat.

Foto: pri­vat

Leben, einfach leben!

Wir sind spät dran, die ersten Gäste tre­f­fen fast zeit­gle­ich mit uns ein und meine Fre­undin glüht vor Aufre­gung. Der Raum ist voll, die Lesung ein Erfolg, es wird gelacht und geklatscht. Ich hole mir ein Glas Wein und lächele ihr auf­munternd zu, wie wir es abge­sprochen haben. Dann sollen wir uns zu zweit zusam­men­tun und darüber sprechen, was wir nicht gut kön­nen. Das ist leicht. „Leben! Ein­fach leben!“ hat mein erster Fre­und mit 14 zu mir gesagt und diese Kun­st beherrsche ich noch immer nicht. „Vielle­icht brauchst du dafür jeman­den.“ sagt meine Sitz­nach­barin, beugt sich zu mir und legte mir die Hand auf den Arm. Ja, ich bin leichte Beute gewe­sen für einen Mann wie ihn. Ich strebe nach einem geord­neten Leben und verzehre mich nach jeman­dem, der es über den Haufen wirft.

Für meine Kinder war er der Typ mit der Brille, dem nichts ent­ging, der lustige What­sApps schrieb, immer grillen wollte, zum Über­nacht­en für sich und seinen Jüng­sten die Prinzessin­nen-Bet­twäsche auswählte, früh mor­gens Brötchen holte und stets etwas abrupt auf­brach. „Wann kommt der eigentlich mal wieder?“ fragten sie, nach­dem ich schon monate­lang krank vor Liebeskum­mer war. Auf die Idee, dass er die Ursache war, kamen sie nicht. Seinen Namen erin­nerten sie nicht mehr.

Meine Fre­undin ist erschöpft und glück­lich, sie hat ihre Feuer­probe als Autorin bestanden und ein paar Büch­er verkauft. Wir pack­en zusam­men, ver­ab­schieden uns und gehen durch das Feuer­w­erk im Gängevier­tel zu ihrem Wagen. Ihr Mann fährt wieder, wir sitzen im Fond und lassen die glitzernde City an uns vor­bei­gleit­en. Am Stad­trand steige ich um in mein eigenes Auto. Ich habe es noch nicht lange. Ich hat­te es vor allem gekauft, um ihn öfter besuchen zu kön­nen. Eine der vie­len Entschei­dun­gen, die ich getrof­fen habe, um kom­pat­i­bler zu sein.

Foto: pri­vat

Ich war die Frau, die Liebe und Sex so sorgsam trennte wie ein rohes Ei.

Während ich jet­zt sel­ber am Lenkrad sitze und durch die dun­klen Außen­bezirke fahre, denke ich daran, wie ich mich nach wochen­langem Drän­gen am Haupt­bahn­hof von ihm abholen, zum Essen ein­laden und nach Hause fahren ließ. Irgend­wann bemerk­te ich, dass meine Hand schon die ganze Zeit auf seinem Ober­schenkel lag. Die Zärtlichkeit und Intim­ität mein­er Geste über­raschte mich. Ich war damals die Frau mit den fünf Lovern, die Liebe und Sex so sorgsam tren­nte wie ein rohes Ei. Als er dann auf meinem Bett saß und auf mich wartete, sah er aus, als ob er über­legen würde, wie es wäre, zu bleiben. Vielle­icht hat er das damals auch.

Ein halbes Jahr, nach­dem wir uns bei Tin­der ken­nen­gel­ernt hat­ten, begann ich mich zu ver­lieben. Das hing mit diesem Som­mer­abend zusam­men, der mit den “Stones” und einem phänom­e­nalen Gin Ton­ic auf seinem Balkon anf­ing und immer noch kein Ende fand, als wir die Vögel durch das offene Fen­ster im Hin­ter­hof sin­gen hörten. Damals hätte ich geschworen, dass der Sex das Beste an uns war. Diese durchgek­nall­ten Nächte, in denen das Glück wie eine riesige Welle durch meinen Kör­p­er rauschte. In den Monat­en danach wurde immer klar­er, dass ich nur ihn wollte und keinen anderen mehr. Der Zeit­punkt, als er das erre­icht hat­te, war für ihn wohl der Anfang vom Ende. Jet­zt ist es seine Fre­und­schaft, dir mir am meis­ten fehlt. Die Ver­trautheit, das Gefühl, dass er immer da war, ganz in mein­er Nähe. Die Gewis­sheit, gut aufge­hoben zu sein bei ihm.

Bist du traurig oder wütend?

Hier draußen sind die Straßen um Mit­ter­nacht wie aus­gestor­ben. Ich fahre durch die Nebelschleier in der Senke beim Bauern­hof und biege auf den Wirtschaftsweg ein, der zu meinem Haus führt. Jedes Mal, wenn er zu mir wollte, hat er nach mein­er Adresse gefragt. Jedes ver­dammte Mal. Manch­mal mit ein­er Flasche Wod­ka auf der Rück­bank, meis­tens übel­lau­nig, getrieben von der Suche nach Zer­streu­ung und Zuflucht vor seinen Dämo­nen, stolperte er durch meinen Garten. Ich wäre gern viel mehr für ihn gewe­sen, aber das war bess­er als nichts.

Bei einem unser­er let­zten Chats sagte ich, wie ich es satt hätte, auf meinen Beruf und die damit ein­herge­hen­den Erwartun­gen reduziert zu wer­den. „Man wird auch nicht wirk­lich ent­täuscht.“ antwortete er. Er fragte, was eigentlich mit den anderen Män­nern sei und schlug mir Net­flix-Serien für die ein­samen Abende vor. Von sich erzählte er nichts mehr. Kurz vor Wei­h­nacht­en wagte ich nach Monat­en des Schweigens und der Ungewis­sheit einen let­zten Vorstoß und schrieb ihm, dass ich ihn mir in mein Leben wün­sche. Da erfuhr ich, dass er schon längst ‘jeman­den ken­nen­gel­ernt’ hätte und kein Sin­gle mehr sei. „Ver­liebt war ich nie.“ ergänzte er noch.

Foto: pri­vat

Ich schließe mein leeres Haus auf, ziehe die Schuhe aus, hole mir ein Glas Wass­er und set­zte mich aufs Dach. Die Nacht ist still und ster­nen­klar. Es ist ein Jahr her, dass er das let­zte Mal in meinem Bett geschlafen hat. Ohne mich. Ich war ver­reist und hat­te ihm das Haus für sich und seine Kinder ange­boten.

Sei froh!“ sagen meine Fre­undin­nen, wenn sie mich in mein­er Ein­siedelei besuchen. Sie sehen deut­lich­er als ich, dass er mit ein­er ver­heeren­den Mis­chung aus Charis­ma, Tragik und Klis­chees eine Schneise von Kol­lat­er­alschä­den durch die Stadt fräst. Ein­er sein­er Lieblings­filme ist “So, wie wir waren” mit Robert Red­ford und Bar­bara Streisand. An einem mein­er vie­len Dachter­rassen-Abende habe ich ihn mir ange­se­hen und gedacht: “Ja, ein biss­chen waren wir so.” Er hat mich gerne mit Svende Mer­ian ver­glichen, der Best­seller-Autorin aus der Ham­burg­er Alter­na­tiv-Szene der 80er.

Bist du trau­rig oder wütend?“ hat er mal gefragt, als sich ein ander­er Men­sch aus meinem Leben gestohlen hat. Ich bin bei­des. Seit einem Jahr. Und eigentlich schon viel länger.

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