Splitterfasern 1: Meine Suche nach meinem eigenen Sex
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Eiszeit
10. Februar 2020

1. Wie war die sex­uelle Sit­u­a­tion in dein­er Fam­i­lie? In was für ein kul­turelles Umfeld wur­dest du in Bezug auf Sex­u­al­ität hineinge­boren? Wie würdest du das Ver­hal­ten dein­er Eltern in diesem Bere­ich beschreiben?
Ich wuchs in einem weltof­fe­nen, jedoch eher von einem neg­a­tivem Kör­per­bild geprägten Zuhause auf. Sex­u­al­ität wurde offen besprochen, im Bücher­re­gal stand Amendts „Sexfront“ und wir besassen zwei wun­der­bare gross­for­matige Aufk­lärungs-Bild­bände „Zeig mal!“. Über Sex wusste ich fak­tisch früh eine Menge, von Liebe und Intim­ität hat­te ich eine Ahnung und eine große Sehn­sucht danach.

2. Hast du dich selb­st erfreut/ befriedigt als Kind? Mit was für einem Gefühl hast du das getan? Wur­dest du „erwis­cht“? Wie wurde reagiert?
Ich habe mich mit 8 Jahren zum ersten Mal selb­st berührt und erin­nere mich, dass ich lange Zeit das Gefühl eines Orgas­mus köstlich fand und über­aus genoss, ohne zu wis­sen, dass es ein Orgas­mus und Selb­st­be­friedi­gung war, was ich da genoss. Grund­sät­zlich wurde auch das offen the­ma­tisiert. Ich bin mir allerd­ings sich­er, dass, wenn meine Mut­ter mich „erwis­cht“ hätte, sie irri­tiert und über­fordert gewe­sen wäre.

3. Wer hat dich aufgek­lärt?
Aufgek­lärt wurde ich von meinen Eltern, offen und fak­tisch. Das zauber­hafte an Sex und Intim­ität blieb dabei weit­ge­hend auf der Strecke.

4. Was für einen Ein­druck hat­test du in Bezug auf Sex­u­al­ität, bevor du sie selb­st erlebt hast?
Da ich ein sehr ambiva­lentes Ver­hält­nis zu meinem und Kör­pern an sich hat­te, eher dif­fus. Lustvolle kör­per­liche Betä­ti­gun­gen wie Sport, Tanzen etc. gab es in mein­er Sozial­i­sa­tion nicht, ausser­dem wurde der Kör­p­er als von Krankheit & Störung bedro­ht und mit Diäten kon­trol­liert erlebt. Die fliessende, liebevolle Verbindung von Kör­per­lichkeit, Sinnlichkeit und Hingabe war nicht enthal­ten.

5. Wie hast du die Verän­derun­gen deines Kör­pers in der Pubertät erlebt und wie wurde darauf reagiert?
Nachvol­lziehbar­erweise war die Essstörung bei mir vor­pro­gram­miert. Intellek­tu­al­isierte Sex­u­al­ität und viel Kör­perkon­trolle macht­en mir den emo­tionalen, spielerischen Ein­stieg schw­er. Wie Diana Richard­son in einem ihrer Büch­er so schön begin­nt: „Ich war ent­täuscht, denn ich erwartete Liebe zu find­en. Und da war nur Sex.“

6. Wie war deine erste Men­stru­a­tion und wie wurde sie von dein­er Fam­i­lie aufgenom­men?
Die Reak­tion mein­er Mut­ter war recht prag­ma­tisch; ich bin an dem Tag nicht zum Train­ing gegan­gen, weil ich sel­ber irgend­wie erschüt­tert war, dass das „Kind­sein“ nun zuende sein sollte. 

7. Wie waren deine ersten sex­uellen Kon­tak­te (intime Berührun­gen, Küsse etc.)?
Küssen fand ich schon immer toll, dass war ja auch eine recht über­sichtliche, sichere Sache. Die Erwartung, die oft hin­ter inti­men Berührun­gen spür­bar war, hat mich lange über­fordert. Schlussendlich entsch­ied ich mich dann, mitzu­machen, weil ich ja irgend­wann wis­sen wollte, wir es weit­erge­ht; also auch eher eine intellek­tuelle, prag­ma­tis­che Entschei­dung. Als ich zum ersten mal richtig ver­liebt war, ahnte ich, dass hier etwas von dem zu find­en sein kön­nte, nach dem ich mich so sehnte. Und ich machte Schluss, weil mich die emo­tionale Verbindung total über­forderte. 

8. Wie war das, was du für dich als den ersten “richti­gen” Sex beze­ichnest?
Das war schon aufre­gend, aber auch ein biss­chen dis­tanziert im Innern. Ich glaube ein­fach, dass ich mich zu vielem überre­det habe, um es abzuhak­en und der berührende, schöne Teil blieb oft zurück­ge­hal­ten, weil ich ein­fach emo­tion­al über­fordert war.

9. Wie ver­lief deine sex­uelle Biografie von da an?
Zunächst eher kühl und nach dem Mot­to „gehört halt dazu“. Es gab Sachen, die mir schon gefall­en haben, auch lustvoll waren. Wirk­lich emo­tion­al ent­deckt habe ich Sex dann aber erst mit dem Mann, den ich dann auch geheiratet habe. Auch hier gab es noch viele ver­schlossene Türen. Doch nach vie­len Jahren Ther­a­pie und Per­sön­lichkeit­sen­twick­lungsar­beit wagte ich den Schritt zum Selb­stver­such, erschloss mir G‑Punkt und weib­liche Ejaku­la­tion. Und dann buchte ich meine erste Tantra-Mas­sage.

10. Wie ist dein Stand im Moment? A) In sex­uellen Beziehungen/ Kon­tak­ten B) In der sex­uellen Selb­stliebe.
Inzwis­chen bin ich Paar-& Sex­u­alther­a­peutin und mache ger­ade eine Aus­bil­dung zur tantrisch­er Berührungskun­st. Sex­u­al­ität, Berührung und Intim­ität sind das Herz meines Lebens gewor­den und nicht mehr daraus wegzu­denken. Ich erforsche meine Gren­zen, erweit­ere sie lustvoll und teile meine Erfahrung mit anderen. Wun­der­bar!

11. Gab es Geburten? Wenn ja, wie liefen sie ab?
Ich habe drei Kinder in zwei Geburten geboren, eine Geburt war eine Zwill­ings­ge­burt. Die Geburten ver­liefen ohne Hil­f­s­mit­tel von aussen und ich bin sehr berührt, dass ich drei Kindern ohne jeden medi­zinis­chen Ein­griff ins Leben geholfen habe. Kraftvoll, kör­per­lich inten­siv und erfül­lend war diese Erfahrung. Und ich habe dabei viel über meine unbändi­ge, weib­liche Kraft gel­ernt.

12. Hast du Erfahrun­gen gemacht, die du für dich als trau­ma­tisch erlebt hast, z.B. Abtrei­bung, Verge­wal­ti­gung, Miss­brauch, Oper­a­tion, medi­zinis­chen Ein­griff, Son­stiges?
Nein.

“Split­ter­fasern” sind ein Blog, in dem Men­schen anonym Texte zu ihrer sex­uellen Biografie hochladen.
Die Start­seite mit der Möglichkeit zum Mit­machen find­est du hier: https://hannakrohn.de/splitterfasern/

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