Eiszeit
10. Februar 2020
Splitterfasern 4: Frei. Neugierig. Lustvoll.
28. Februar 2020

 

Lange habe ich über­legt, wie ich anfange zu schreibe, ab welchen Zeitraum und was ist mir sel­ber über­haupt wichtig ist aufzuschreiben und les­bar zu machen.

Bis zu meinem 15 Leben­s­jahr habe ich mas­sive sex­uelle, kör­per­liche und psy­chis­che Gewalt in allen Facetten erlebt. Meine eigene Sex­u­al­ität war mir völ­lig fremd. Ich hat­te keine Ahnung wie was in mir funk­tion­iert, warum mein Kör­p­er auf sex­uelle Über­griffe reagiert hat­te, obwohl ich es nicht wollte. Ich hat­te Angst, dass es mir doch gefall­en hat/ hat­te.

Erstaunlicher­weise kam meine Sex­u­al­ität auch nicht in den unzäh­li­gen ther­a­peutis­chen Sitzun­gen vor. Meine Fra­gen zu meinem Kör­p­er und mir wur­den nicht beant­wortet oder kon­nten nicht beant­wortet wer­den. In sta­tionären Set­tings wurde ich oft so hingestellt, dass ich den kör­per­lichen Kon­takt, wie z.B. Umar­mungen, ein­fach ver­weigern würde. Ver­standen hat­te ich es nicht, mein Kör­p­er hat auf solche her­beige­führten Umar­mungen mit absoluter Abwehr reagiert. Von da an wusste ich, dass bei mir irgen­det­was völ­lig anders ist, als bei den anderen Frauen (ich werte nie­man­den auf oder ab; es ist nur meine Fest­stel­lung).

Ich habe Sex­u­alther­a­peutin­nen aufge­sucht, bin aber schon an dem The­ma der Selb­stliebe grandios gescheit­ert. Ich habe mich wed­er als Kind/ Jugendliche und Stand heute sel­ber intim berührt. Dies funk­tion­iert für mich nicht. Selb­st Anleitun­gen, nur mal bewusst meine Hand in meinen „Schritt“ zu leg­en (mit Unter­hose oder Hose darüber“) — für mich ein absolutes Nichtkön­nen. Und wenn ich abso­lut ehrlich zu mir bin, ich wüsste auch über­haupt nicht was ich tun sollte, müsste oder kön­nte. Wie das über­haupt geht, wie sich dieses anfühlen müsste oder sollte.

Meine ersten selb­st­gewählten „sex­uellen“ Kon­tak­te zu Frauen (sex­uelle Kon­tak­te zu Män­nern sind für mich aus­geschlossen) waren für mich aufre­gend und erre­gend, aber auch abso­lut nieder­schmetternd zugle­ich. Ich wollte und kon­nte nicht. Mein Kör­p­er hat sich aus­geschal­tet, mein Kopf hat sich aus­geschal­tet, Bilder von früher, ich mit­ten­drin und ich wollte nur noch weg. Weg von mir. Mir ist klar gewor­den: ich kann mit Frauen schlafen, solange ich nicht von ihnen an bes­timmten Kör­per­stellen berührt werde. Aber es ist mehr ein automa­tis­ches Tun gewe­sen, ohne sel­ber ein pos­i­tives Gefühl zu erleben. In diesen Momenten habe ich mir die Frage gestellt: was mache ich „hier“ eigentlich. Diese Set­tings funk­tion­ierten nur, wenn ich in der dom­i­nan­ten, beherrschen­den Rolle unter­wegs gewe­sen bin.

Diese Angst, diese mas­sive Angst in mir, dass ich die Sit­u­a­tion nicht mehr kon­trol­lieren kann, die Angst, dass ich der Frau kör­per­lich weh tue, dass ich zu grob, zu fahrig, zu schlecht, zu däm­lich usw. bin. Das ich ver­sage… diese Angst, diese erdrück­te mich und oft erdrückt mich dieser Anteil noch heute.

Heute, 13 Jahre später: Ich lebe in ein­er Part­ner­schaft mit ein­er älteren Frau. Alles läuft ziem­lich gut, nur das The­ma „miteinan­der schlafen“ ist für mich immer noch wie eine Fel­swand. Ich bin der aktive Part und nicht von ihr intim berührbar. Müssen nur wollen? Nein es geh ein­fach nicht. Würde sie es ein­fach tun, wäre ich nicht in der Lage, in der Sit­u­a­tion zu bleiben. Ich wäre nicht mehr anwe­send.

Dies ist anfangs auch ohne ihre Berührun­gen passiert. Alles wun­der­voll und im näch­sten Moment bin ich nicht mehr da gewe­sen, stel­len­weise bin ich auch ein­fach aufge­s­tanden und gegan­gen. Nichts zu fühlen ist schlim­mer als irgen­det­was zu fühlen. Meine Selb­stvor­würfe danach — schlimm. Gedanken wie „du hättest nur aushal­ten müssen“ sind mir durch den Kopf
geschossen. 

Also brauchte ich eine Art von Hil­fe, wo es um meinen Kör­p­er und mich, mich und meinen Kör­p­er geht. Wo ich einen geschützten Raum habe, einen abso­lut sicheren Ort, wo ich mich aus­pro­bieren kann. Wo ich berührt werde und ich fühlen darf, ich Fra­gen stellen darf, um das alles mit dem Kör­p­er und mir zu ver­ste­hen.  

Diesen Raum habe ich im „Tantra­bere­ich“ gefun­den. Stellte jedoch fest, als ich dieses in Ther­a­piesitzun­gen ansprach, dass dort mit Unver­ständ­nis reagiert wurde, dass mir ver­sucht wurde, dieses auszure­den. Nur: wie viele Möglichkeit­en gibt es wirk­lich, sich den eige­nen Kör­p­er „zurück­zu­holen“ oder aber den eige­nen Kör­p­er zu ver­ste­hen? Berührun­gen auszupro­bieren. Ich habe keinen anderen Weg für mich gefun­den oder gese­hen und habe mich hier­auf ein­ge­lassen.

Und es klappt dort wirk­lich. Ich kann fühlen und nicht fühlen, aus­pro­bieren, sprechen, lachen und ich muss nicht in die aktive Rolle hinein. Und ich merke, dass die in mir tief­sitzende Angst/ Unsicher­heit sich langsam aufzulösen scheint.

Den­noch kann ich das Erlebte im „Tantraset­ting“ immer noch nicht auf meine Sex­u­al­ität mit mein­er Fre­undin über­tra­gen. Dies macht mich trau­rig und lässt mich verzweifeln. Der Punkt ist die Angst oder der Druck in mir.

Zum The­ma Pubertät und Men­stru­a­tion: Pubertät habe ich gar nicht erleben kön­nen oder mir ist die Zeit abso­lut nicht bewusst. Natür­lich habe ich Verän­derun­gen an meinem Kör­p­er gemerkt. Mit mein­er Brust kon­nte ich über­haupt nichts anfan­gen, ich wollte nicht, dass sie da ist. Brust bedeutete für mich irgen­det­was mit schlecht sein, nicht mehr geeignet. Jet­zt habe ich Brust und ich weiß nicht, ob sie mir gefällt oder nicht. So einen richti­gen Bezug zu ihr habe ich nicht. Aber ich kann meine Brust zumin­d­est ohne Ekel­ge­fühl anfassen.

Meine Men­stru­a­tion begann erst mit 18 (glaube ich). Sie war ein­fach da und für mich war das eigentlich ein pos­i­tives Zeichen, näm­lich dass ich mich kör­per­lich
erhole. Regelmäßi­gen, entspan­nten Zyk­lus hat­te ich noch nie. Entwed­er sie
kom­men monate­lang nicht, oder wie jet­zt gefühlt ständig. Irgen­det­was ist da
noch nicht so stim­mig.

Wer mich aufgek­lärt hat? Eine eigentlich ziem­lich leichte Frage, aber irgend­wie für mich gar nicht. Nein ich wurde nicht aufgek­lärt, es wurde mir nichts erk­lärt,
son­dern ein­fach mit mir gemacht. Im Schu­lun­ter­richt bin ich bei dem The­ma
raus ger­an­nt und habe mich mehrfach übergeben.

Split­ter­fasern” sind ein Blog, in dem Men­schen anonym Texte zu ihrer sex­uellen Biografie hochladen.
Die Start­seite mit der Möglichkeit zum Mit­machen find­est du hier: https://hannakrohn.de/splitterfasern/

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