Splitterfasern 4: Frei. Neugierig. Lustvoll.
28. Februar 2020
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Splitterfasern 5: Körper, Geist und Seele

1. Wie war die sex­uelle Sit­u­a­tion in dein­er Fam­i­lie? In was für ein kul­turelles Umfeld wur­dest du in Bezug auf Sex­u­al­ität hineinge­boren? Wie würdest du das Ver­hal­ten dein­er Eltern in diesem Bere­ich beschreiben?

In mein­er Fam­i­lie wurde ein­er­seits sehr, sehr offen über Sex gere­det und der nack­te Kör­p­er offen gezeigt. Die krass­es­ten Momente hier sind als ich mit 6 Jahren meinem Papa zu Ostern mit mein­er Mama seine Hoden als Ostereier ange­malt habe oder als meine Eltern kurz nach­dem ich mit 17 Jahren Sex hat­te, in mein Zim­mer gekom­men sind, um das Lat­ten­rost zu pol­stern. Ich per­sön­lich habe das als Kind und Jugendliche als nor­mal und okay emp­fun­den, jedoch mit der Zeit gemerkt, dass vieles für mich zu offen war. Beson­ders da ander­er­seits über die Affären mein­er bei­den Eltern­teile und sex­uellen Miss­brauch mein­er Mut­ter und mein­er Groß­mut­ter väter­lich­seits nie gesprochen wurde. Erst mit Anfang 20 habe ich diese Dinge mith­il­fe von Ther­a­pie und Fra­gen an meinen Vater und Anstößen von guten Freund*innen her­aus­ge­fun­den.

Mein Umfeld war stark geprägt von Erwach­se­nen Hip­pies, die trau­ma­tis­che (sex­uelle) Erleb­nisse um mich herum in ein­er Gruppe am Aufar­beit­en waren. Die Ressourcen in diesem Umfeld haben mich sehr gestärkt, die zen­trale Selb­stfind­ungs­frage der Erwach­se­nen jedoch auch geschwächt. Nun arbeite ich meine eige­nen trau­ma­tis­chen (und teil­weise sex­uellen) Erleb­nisse auf.

Meine Eltern haben immer wieder getren­nte Schlafz­im­mer und immer wieder Sex. Seit 10 Jahren haben sie jedoch keine Affären mehr. Berührun­gen vor mir kom­men eher sel­ten zwis­chen den bei­den vor. Ich habe das Gefühl, dass die bei­den im Urlaub zu zweit oder auf Tanzver­anstal­tun­gen ihre Liebe und Sex­u­al­ität deut­lich­er leben.

2. Hast du dich selb­st erfreut/ befriedigt als Kind? Mit was für einem Gefühl hast du das getan? Wur­dest du „erwis­cht“? Wie wurde reagiert?

Ich habe mich stel­len­weise im sel­ben Bett wie mein Vater berührt. Ob er das gemerkt hat, weiß ich nicht. Ich habe das stets mit einem Gefühl der Freude und des Glücks getan. Auch mit meinen Fre­undin­nen habe ich mich zum gemein­samen Befriedi­gen getrof­fen, wovon meine Eltern wussten. Heute wirkt es für mich so als ob ich hier­durch ihre Aufmerk­samkeit wollte. Lei­der hat das nie geklappt. Mir wurde nur mit 16 Jahren von mein­er Mut­ter gesagt, dass ich mich nicht benutzen lassen soll. Und es wichtig ist, nichts für die Män­ner mitzu­machen.

3. Wer hat dich aufgek­lärt?

Ich habe durch die offene Umge­bung in Gesprächen der Erwach­se­nen sehr viel erfahren und son­st die Bra­vo, welche mir von meinen Eltern gekauft wurde, gele­sen. Später dann Sach­büch­er. Bei schwieri­gen ersten Erfahrun­gen, wo ich Angst vor ein­er Schwanger­schaft hat­te, habe ich meine Eltern direkt gefragt, was ich tun soll. Diese haben mir dann sehr inten­siv erk­lärt, warum die Chance von Pet­ting schwanger zu wer­den sehr ger­ing ist und mit mir auf meine näch­ste ein­set­zende Peri­ode gewartet.

4. Was für einen Ein­druck hat­test du in Bezug auf Sex­u­al­ität, bevor du sie selb­st erlebt hast?

Sex gehört zum Leben dazu wie atmen, essen und trinken. Sex ist ein Grundbedürf­nis. Und Sex gefällt mir bzw. jed­er Per­son. Hier war und ist eine Gren­ze, die haarscharf den Glaubenssatz „Sex hat mir zu gefall­en“ streift. Sex ist gle­ichbe­deu­tend mit Frei­heit.

5. Wie hast du die Verän­derun­gen deines Kör­pers in der Pubertät erlebt und wie wurde darauf reagiert?

Als sehr belas­tend, da ich meine Peri­ode mit 12 bekom­men habe und sehr früh lange Achsel­haare hat­te. Zudem sind meine Brüste sehr früh gewach­sen. In der siebten Klasse habe ich mal einem Mitschüler eine gek­nallt, da er meine Brüste unge­fragt ange­fasst hat­te. Bevor das passiert ist, gab es sehr viele mich ver­let­zende Kom­mentare wie „geile Tit­ten“ und „Iii­ih, Achsel­haare“. Meine Bein­haare ver­stecke ich noch heute gerne in Strumpfho­sen.

6. Wie war deine erste Men­stru­a­tion und wie wurde sie von dein­er Fam­i­lie aufgenom­men?

Ich habe meine erste Men­stru­a­tion mit­ten beim Umziehen für den Schwim­munter­richt bekom­men. Ich bin sofort nach Hause und habe zu Papa, der als einziger zu Hause war, von der Toi­lette aus gerufen: „Papa, ich blute!“. Daraufhin hat dieser sehr aufgeregt und freudig Binden organ­isiert und mir diese rein­gere­icht. Ich wusste wie die funk­tion­ieren und habe dann alleine alles sauber gemacht und die Binde ein­gelegt. Als Mama zuhause war, hat sie sich gefreut und mir grat­uliert. Und am näch­sten Tag haben wir ein Herz im Blu­men­laden aus­ge­sucht, was ich damals als pein­lich, heute als sehr schönes Rit­u­al empfinde. Mama hätte dieses Ereig­nis gerne größer zele­bri­ert. Ich wollte das jedoch nicht, da mir das zu viel Aufmerk­samkeit gewe­sen wäre.

7. Wie waren deine ersten sex­uellen Kon­tak­te (intime Berührun­gen, Küsse etc.)

Meine ersten Kon­tak­te waren sehr inten­siv. Ich wurde mit 12 von meinem ersten Fre­und geküsst und beim ersten richti­gen Date von ihm gefin­gert. Als er wollte, dass ich ihn anfasse, habe ich abgelehnt. Danach war unsere Beziehung dann auch vor­bei. Bei meinem zweit­en Fre­und mit 13 habe ich diese Ablehnung des männlichen Geschlechts beibehal­ten und auch ihn dort zu Anfang nicht berührt. Nach sechs Monat­en wollte er Sex mit mir haben, was ich nicht wollte. Auch hier war die Beziehung dann deswe­gen vor­bei. Beim Schreiben fällt mir auf, dass meine ersten sex­uellen Kon­tak­te nicht schön waren. In mein­er drit­ten Beziehung habe ich dann alles, auch mein erstes Mal, so gemacht, dass es meinem Fre­und gefällt. Ich wollte nicht wieder ver­lassen werde. Das Doofe war daran, dass ich anfangs nie wirk­lich Kon­sens­sex hat­te oder meine Sex­u­al­ität unab­hängig von der Lust meines Gegenübers ken­nen ler­nen kon­nte.

8. Wie war das, was du für dich als den ersten “richti­gen” Sex beze­ichnest?

Mein erstes Mal Pen­e­tra­tions­sex hat­te ich als 16-Jährige, weil ich endlich dazu gehören wollte: zum Club der Entjungfer­ten. Ich habe wed­er den Sex noch die Beziehung zu meinem Fre­und damals genoßen. Diese Beziehung habe ich nach 1,5 Jahren been­det.

9. Wie ver­lief deine sex­uelle Biografie von da an?

Ich bin dann mit 17 Jahren zurück­gerud­ert, habe mir einen schüchter­nen Fre­und gesucht und diesem von Anfang an gezeigt und gesagt, was ich wie möchte. Hier war der allererste Kuss und der Sex immer wun­der­schön. Zudem bestand unsere Beziehung endlich mal nicht nur zen­tral aus Sex. Ihm wollte ich sog­ar zu viel Sex. Seine Ablehnun­gen haben mich damals sehr ver­let­zt. Wir kon­nten jedoch über diese Gefüh­le miteinan­der reden, was neu und schön für mich war. In dieser Beziehung bin ich für ein Jahr weg gegan­gen. In diesem Jahr hat­te ich keinen Sex, was der läng­ste sexfreie Zeitraum seit meinem ersten Mal bish­er war. Nach der Tren­nung hat­te ich eine krasse Phase und habe mit sehr vie­len Män­nern geschlafen und aktiv nach Sex­dates gesucht. Fast fünf Jahre lang habe ich stel­len­weise wed­er auf Ver­hü­tung noch auf safer sex geachtet und bin sehr dankbar, dass mir nichts passiert ist. Ich habe auch zwis­chen­durch mich an Män­ner binden wollen, indem ich schwanger von ihnen werde. Ich dachte, dann kön­nten mich diese nicht ver­lassen.

Mit 25 bin ich auf eine Kom­mili­tonin aufmerk­sam gewor­den und habe ver­standen, dass ich bisex­uell bin. Ich war sehr schnell in sie verk­nallt, ein halbes Jahr später sind wir zusam­men gekom­men. Mit ihr bin ich zusam­men gezo­gen, um sie an mich zu binden. Diese Frau hat mich so berührt wie zuvor kein Mann. Ich habe kurz sog­ar gedacht, dass ich les­bisch sei. Doch plöt­zlich tauchte ein Mann in meinem Fre­un­deskreis immer wieder in meinen Gedanken auf. Mit der Frau habe ich das erste Mal erlebt, dass beim Sex nicht nur der Kör­p­er, son­dern auch mein Geist und mein Herz anwe­send sein kön­nen und wollen. Diese Erfahrung machte ich nach der Tren­nung von ihr mit meinem aktuellen Fre­und dann schön­er­weise auch.

10. Wie ist dein Stand im Moment? A) In sex­uellen Beziehungen/ Kon­tak­ten B) In der sex­uellen Selb­stliebe.

Ich kämpfe mit Eva und Lilith. Eva nenne ich den Anteil in mir, der beson­ders lieb, für­sor­glich, naiv, süß und pflicht­be­wusst ist. Lilith nenne ich den Anteil in mir, der beson­ders frei, wild, laut, heiß und ver­führerisch ist. Bei­de verknüpfe ich stark mit mein­er sex­uellen Selb­stliebe. Und bei­de machen es mir schw­er, mich selb­st zu mögen. Mich selb­st als gesamte Per­son, jedoch auch — oder eben vorallem! — mich selb­st mit meinen sex­uellen Wün­schen und Bedürfnis­sen. Die Beziehung zu mir, mein­er Exfre­undin und meinem aktuellen Fre­und stoßen viele schöne neue Impulse in mir an. Ich kann und möchte hier die sex­uelle Selb­stliebe und meine sex­uellen Beziehun­gen nicht voneinan­der tren­nen. Durch meine Trau­mather­a­pie, die ich unter­stützt von mein­er Exfre­undin und meinen Fre­undin­nen vor etwa neun Monat­en ange­fan­gen habe, löst sich viel Altes in mir. Ich lasse immer mehr alten Schmerz und alte Trauer los. Und spüre immer mehr alte sowie neue Freude und Wärme in mir, wenn ich mich mit mein­er sex­uellen Biografie beschäftige oder mein Fre­und und ich miteinan­der schlafen oder kuscheln. Über meine Gefüh­le zu reden, zu schreiben und diese nicht mith­il­fe von Sex wegzu­drück­en, ist hier ein großer Schritt. Ich freue mich auf alle weit­eren… Und noch immer glaube ich, dass eine gelebte sex­uelle Selb­stliebe mich mein­er inneren und äußeren Frei­heit näher bringt.

11. Gab es Geburten? Wenn ja, wie liefen sie ab?

Nein.

12. Hast du Erfahrun­gen gemacht, die du für dich als trau­ma­tisch erlebt hast, z.B. Abtrei­bung, Verge­wal­ti­gung, Miss­brauch, Oper­a­tion, medi­zinis­chen Ein­griff, Son­stiges?

Ja, habe ich. Die vie­len sich wieder­holen­den Sit­u­a­tio­nen, in denen ich mit Män­nern geschlafen habe und dachte „Wann ist das endlich vor­bei?“. Die Sit­u­a­tion, als ich zum drit­ten Mal die Pille danach nahm und der Apothek­er mir sehr lieb mit­teilte, dass es auch die Real­ität gäbe, in der ich ein Kind bekom­men könne. Die Sit­u­a­tion, in der ich meinen Fre­und bet­ro­gen habe, um mich selb­st nicht zu fühlen.  

Split­ter­fasern” sind ein Blog, in dem Men­schen anonym Texte zu ihrer sex­uellen Biografie hochladen.
Die Start­seite mit der Möglichkeit zum Mit­machen find­est du hier: https://hannakrohn.de/splitterfasern/

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