Mitten ins Herz
25. August 2019
Eiszeit
10. Februar 2020
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Über das Begehren im Allgemeinen und Besonderen

Begehren. Was für ein schönes Wort. Es klingt nach Sehnen und Wollen, nach gezo­gen wer­den und hineinsinken in einen bit­ter­süßen Zus­tand, der sich bis an die Gren­ze des Schmerzhaften dehnt.

Mein Begehren will gelockt und genährt wer­den wie ein Kätzchen, doch wenn es erst da ist, kann es zu einem rasenden Tier erwach­sen, das alles ver­schlingt und kaum zu sät­ti­gen ist.

Ich fand es lange schw­er, mit meinem Begehren zu leben. Es ent­zog sich mein­er Kon­trolle. Es war da, wo es nicht hätte sein sollen. Es war nicht da, wo es erwartet wurde. Es war da, wo es kein Gegenüber hat­te. Es machte Stress, Druck und Chaos. Es war nicht zu befrieden. Mal war es über Monate und Jahre wie vom Erd­bo­den ver­schluckt und dann wieder bestürmte und bedrängte es mich wie eine Plage, vor der es kein Entrin­nen gab.

Foto: Clau­dio Ahlers

Irgend­wann kam mir der Gedanke, dass vielle­icht nicht mein Begehren das Prob­lem ist, son­dern das Leben, in dem ich es unterzubrin­gen ver­suche. Ich beschloss, meine ganze Wider­sprüch­lichkeit und Ambivalenz zwis­chen Mimose und Draufgän­gerin, Sinn und Sinnlichkeit, Ver­nun­ft und Ver­rück­theit zu erforschen und erlaubte mir das freie Spiel. Als hätte ich mir eine 10-er Karte fürs Kino gekauft. Oder eine 20-er Karte? Ich weiß es nicht mehr. Es ist auch nicht wichtig. Es hat Spaß gemacht, mein Leben als Stre­uner­in. Für eine Zeit. Ich habe viel gel­ernt, vor allem über mein Begehren.

Was ich begehre/ was mich anmacht

  • Mich sel­ber in meinem Kör­p­er zu spüren, lebendig, flir­rend, sprudel­nd, schillernd, pulsierend, kraftvoll, gren­zen­los.
  • Eine andere Ver­sion von mir selb­st.
  • Nackt sein, weich, offen, weit, genau richtig.
  • Mich sich­er, gese­hen und willkom­men fühlen.
  • Begeg­nung auf Augen­höhe und echter Kon­takt.
  • Sprachge­fühl, Scharf­sinn und Witz.
  • Eine schöne Stimme und ein leichter Akzent.
  • Bewe­gung. Mich bewe­gen und bewegt wer­den.
  • Geschmei­di­ge, gelassene Bewe­gun­gen aus dem Beck­en, mit einem Lächeln.
  • Ein gepflegter Kör­p­er, auf dem das Leben Spuren hin­ter­lassen hat.
  • Ein­ge­laden wer­den von Kraft, Präsenz, Sinnlichkeit, Ein­füh­lungsver­mö­gen und unver­stell­ter Lust.
  • Zeit haben und Zeit bekom­men.
  • Sinn für Details.
  • Entspan­ntes Selb­st­be­wusst­sein.
  • Klare Gren­zen, offene Kom­mu­nika­tion. Ehrlichkeit. Ver­trauen. Respekt.
  • Haut, die so gut riecht und schmeckt, dass ich sie von Kopf bis Fuß abschleck­en mag.
  • Ver­let­zlichkeit, Nah­barkeit, Warmherzigkeit.
  • Die Fähigkeit, voll und ganz im Augen­blick aufzuge­hen und doch bei sich zu sein.
  • Das Fremde im Ver­traut­en und das Ver­traute im Frem­den.
  • Ein gutes Ange­bot zur richti­gen Gele­gen­heit.
  • Aus­gedehnte, spielerische, freie Lust ohne Konzepte, Agen­da, Ziele.
  • Die Queen zu sein, die von mehreren gle­ichzeit­ig begehrt wird.
  • All das selb­stver­ständlich sein zu kön­nen, neben allem anderen, was mich aus­macht.

Mein Begehren ist keine Last, es ist ein Fest, eine Ressource, ein Ver­mö­gen, ein Reich­tum, eine Potenz, ein Kap­i­tal. Der Kurs schwankt, aber die Gol­dreser­ven sind sich­er.

Foto: Clau­dio Ahlers

Wie ist dein Begehren? Was macht dich an?

Wenn du das her­aus­find­en möcht­est, habe ich eine gute Nachricht für dich:

Im Feb­ru­ar wird an zehn Tagen in Ham­burg eine Het­er­atopie stat­tfind­en, ein Club für het­era­sex­uelle Frauen, in dem sich alles um sie dreht, um ihr Begehren und ihre Lust. Und keineswegs nur the­o­retisch:

Sieben männliche Per­former entwick­eln mit Performancekünstler*innen und Sexpert*innen eine neue intime Prax­is zwis­chen Kun­st und Sex­work, Begeg­nung und Care. Es entste­ht eine Serie von One-on-One-Per­for­mances, in denen Per­former und Besucherin einan­der begeg­nen und berühren. Eine dieser Sex­per­tin­nen bin ich und ich freue mich sehr darauf, die Män­ner, die bei dem Cast­ing aus­gewählt wur­den, im Jan­u­ar ken­nen zu ler­nen.

Mal sehen, wie sich das anfühlt und was wir raus­find­en kön­nen über das weib­liche Begehren. Es ist auch unser erstes Mal.” schreibt Sibylle Peters, die diese Per­for­mance für die Ham­burg­er Bühne “Kamp­nagel” entwick­elt.

This is our broth­el of truth. The place where we mess it all up, where all pri­vate things will be work, all work will be love, all love will be care, all care will have a price. This is the place where our truth will be spo­ken, and noth­ing but our truth. Because it‘s sexy. And so are we.“

Sibylle Peters
Hier find­est du alles über die tem­poräre Per­for­mance “Queens. Der Het­er­a­club”

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