Abenteuer Tantramassage-Ausbildung
20. Juni 2018
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Vom Trauma zum Traumberuf — Eine Geschichte mit happy ending

Frau schaut direkt in Kamera

Foto: Claudio Ahlers

Es ist eine Binse, dass Men­schen, die sich für einen helfend­en Beruf entsch­ieden haben, dafür ein biografis­ches Motiv haben. Es liegt nahe, dass das alle­mal für die Arbeit mit Sex­u­al­ität gilt, dieses Feld, das auch im 21. Jahrhun­dert noch ver­mint ist mit Vorurteilen, Pro­jek­tio­nen und Klis­chees. Das wählt man nicht, dafür entschei­det man sich.

Meine Sex­u­alther­a­pie-Aus­bil­dung endete let­ztes Jahr damit, dass wir die Methodik, die wir erlernt hat­ten, auf uns sel­ber anwen­den soll­ten. Wir soll­ten eine kom­plette Selb­st-Eval­u­a­tion machen und vor der Gruppe einen Ker­naspekt unser­er sex­uellen Biografie und Entwick­lung darstellen. Ein Vergnü­gen war das für nie­man­den.

Ich hat­te diese Geschichte noch nie erzählt und wusste bis zum Schluss nicht, ob ich es kön­nte. Als ich an die Rei­he kam, stellte ich einen Stuhl zwis­chen mich und die über 30 ZuhörerIn­nen und hielt mich mit bei­den Hän­den daran fest. Es war ein Kraftakt, die Worte durch meine verkrampfte Kehle zu zwin­gen, mit ein­er Stimme, die nicht wie meine klang. Ich wollte nie, dass mir so etwas passiert, doch noch weniger wollte ich die Frau sein, der das passiert ist.

Die Geschichte, die ich aus mir herauswürgte, ist eine Geschichte, die ich mit vielen Frauen teile. #metoo.

Sie begin­nt mit ein­er Kind­heit, in der es wichtig war, gemocht zu wer­den, alles richtig zu machen, wie alle anderen zu sein. Ich war nie wie alle anderen, ich war viel allein. Meine Welt wur­den die Büch­er, dort fand ich meine Frei­heit und Zuflucht vor Widrigkeit­en aller Art.

Als ich älter wurde, lernte ich einen anderen Weg ken­nen: Sex­u­al­ität. Das war die einzige Droge, die mich je inter­essiert hat. Da kon­nte ich angst­frei, neugierig und offen sein, da kon­nte ich dem pulsieren­den, kraftvollen Kern in meinem Inneren, den ich so sorgsam unter Ver­schluss hielt, erschüt­ternd nah kom­men, da kon­nte mein von Ver­nun­ft geprägtes, pflicht­be­wusstes Leben auch mal schillern und Rock’n Roll sein, da war diese Glas­glocke, hin­ter der ich mich in Ein­samkeit gefan­gen fühlte, wie von Zauber­hand ver­schwun­den.
Es war nicht alles nur toll, ich habe nicht immer gut für mich gesorgt, aber ich habe viele aufre­gende Erfahrun­gen gemacht.

An dieser Stelle unter­brach die Aus­bil­dungslei­t­erin meinen Vor­trag und befand: „Das ist eine Ressource, die du da hast!“ Ja, das stimmt, das war es und das ist es. Doch so sehr ich diese Kicks genoss und manch­mal auch brauchte, so sehr ver­wirrten sie mich gle­ichzeit­ig. Ich wollte und kon­nte mein­er Sex­u­al­ität außer­halb meines Kör­pers nicht begeg­nen. Nicht in den Worten und Augen der­jeni­gen, mit denen ich sie geteilt hat­te und schon gar nicht in denen von irgend­je­mand anderem. Sie war wie ein Porsche, den ich in mein­er Garage ver­steck­te. Ein Porsche mit Autopi­lot, denn ich beherrschte ihn nicht, er beherrschte mich.

Mit Mitte Zwanzig lernte ich auf der Par­ty ein­er Fre­undin einen ihrer Kom­mili­to­nen ken­nen. Er war anders. Er gab mir das Gefühl, mich im Inner­sten zu erken­nen. Fasziniert begann ich eine Affäre mit ihm und tren­nte mich von meinem Fre­und. Bald erfuhr ich, dass er als erfol­gre­ich­er Kün­stler galt. Welche Sorte Men­sch er war, durch­schaute ich zu spät. Was als Rausch zwis­chen Him­mel und Gosse begann, als Grat­wan­derung zwis­chen Inten­sität und Selb­stauf­gabe, ent­pup­pte sich nach weni­gen Wochen als sein Drang nach Besitz und Kon­trolle und eskalierte in sex­u­al­isiert­er Gewalt. Gegen mich. In mein­er Woh­nung. Von einem Mann, den ich geliebt, dem ich ver­traut hat­te.

Nach­dem er den Griff gelöst hat­te, mit dem er mir das Genick hätte brechen kön­nen, stand ich auf und ging Duschen. Dann warf ich ihn raus.

Das war schlimm, doch was folgte war schlimmer: Er stalkte mich

Den Begriff und den Straftatbe­stand des Stalk­ing gab es damals in Deutsch­land noch gar nicht. Er belagerte meine Woh­nung Tag und Nacht, griff mich auf offen­er Straße an, beschimpfte mich vor Pas­san­ten, über­zog mich und mein Umfeld, meinen Ther­a­peuten, meine Fre­unde, meine Eltern mit ellen­lan­gen Briefen, in denen er meine Per­sön­lichkeit sezierte und meine sex­uellen Vor­lieben schilderte. Die totale Pen­e­tra­tion.

Wäre Scham eine Land­schaft, wäre ich die Sahara gewe­sen. Ich fiel ins Boden­lose, es war ein Alb­traum, die schlimm­ste Zeit meines Lebens. Ich musste mein Studi­um unter­brechen und machte zudem die schmerzhafte Erfahrung, dass die Fre­undin, über die ich ihn ken­nen­gel­ernt hat­te, seine Gun­st mein­er Fre­und­schaft vor­zog. Es gab Phasen, in denen es mir als einziger Ausweg erschien, entwed­er ihn oder mich umzubrin­gen.

Zwei Jahre dauerte es, meine Selb­stach­tung wieder zu find­en und genau­so lange, mich durch ein Gericht­surteil vor ihm zu schützen. An dem Tag, an dem ich von mein­er Anwältin ein dick­es Paket mit den Akten des abgeschlosse­nen Prozess­es zugeschickt bekam, stellte ich fest, dass ich schwanger war. Ein neuer Abschnitt meines Lebens hat­te begonnen. Der Porsche blieb for­t­an in der Garage, von dem hat­te ich die Nase voll.

Grüner Porsche auf der Hebebühne

Foto: pri­vat

Was blieb war die Angst, vor allem während der Schwanger­schaften. Ich stand nicht im Tele­fon­buch, ich war nicht gemeldet, ich achtete darauf, dass mein Name und meine Adresse nir­gend­wo auf­taucht­en. Ich machte mich unsicht­bar und ich blieb es für lange Zeit.

Hinter der Angst liegt die Freiheit, der Weg führt mitten hindurch.

Die Pointe dieser Geschichte war den Kol­legin­nen und Kol­le­gen, die meinem schmerzhaften Out­ing bei­wohn­ten sofort klar, denn:

  • Wer gibt jet­zt anderen Frauen Fahrstun­den, nach­dem sie Frieden mit ihrem Porsche gemacht hat?
  • Wer hat sich selb­ständig gemacht als Exper­tin für weib­liche Sex­u­al­ität?
  • Wer hat unter dem Namen “Frauen­raum” eine Prax­is in dem Haus, in dem sie mit ihren Kindern lebt?
  • Wer ist mit diesem The­ma sicht­bar im Inter­net, mit vollem Namen, Tex­ten, Bildern, Videos?

Mir sel­ber wurde diese Pointe übri­gens erst klar, als ich let­ztes Jahr an ein­er Chal­lenge für Frauen zum The­ma “Sicht­barkeit mit der eige­nen Web­seite” teil­nahm. Da kon­nte ich sehen, wie weit der Weg war, den ich in den let­zten 25 Jahren zurück gelegt hat­te.

Was mir dabei geholfen hat?

  • Geduld
  • Pro­fes­sionelle Unter­stützung
  • Der Mut zur Verän­derung
  • Die richti­gen Impulse zur richti­gen Zeit
  • Ver­bun­den­heit im Kreis von Frauen
  • Die Liebe zu meinen Kindern
  • Ver­trauen in mich selb­st
  • Das Schreiben
  • Mein Porsche

Wünschst du dir auch Veränderung?

Im Sep­tem­ber 2018 begin­nt meine näch­ste Sem­i­nar­rei­he “Zeit für Verän­derung” zu weib­lich­er Sex­u­al­ität und Per­sön­lichkeit­sent­fal­tung. Gerne begleite ich dich auf deinem Weg.

 

4 Kommentare

  1. WOW!

    Berührt.
    Beein­druckt.
    Dankbar.

    Ich kann so sehr mit dir mit­fühlen. Du wirst es ahnen: Es gibt eine ähn­liche Geschichte in meinem Leben, denn auch ich habe eine Zeit ver­steckt und unsicht­bar gelebt. Und bin heute Sicht­barkeits­men­torin. 🙂 Das ist kein Zu-Fall. Das ist Erfolg = dem Leben fol­gen.

    Unsere Geschichte ist unsere Auf­gabe. Unsere Auf­gabe ist unsere Geschichte.

    Danke für DICH und deinen Mut, dich zu zeigen und Frauen (wieder) mit ihrer ure­ige­nen Sex­u­al­ität in Kon­takt und in Heilung zu brin­gen. Es ist wun­der-voll, was du machst und wie du bist!

    Danke, Han­na! *umar­mung*

    Dick­en Herzens­gruß
    Sabine

    • Hanna sagt:

      Liebe Sabine,
      vie­len Dank! Für Alles! Es ist schön, dich an mein­er Seite zu haben bei meinen Schrit­ten in die Sicht­barkeit. Und ich denke, dein Beruf ist auch ein helfend­er Beruf 😉

      Von Herzen,
      Han­na

  2. Liebe Han­na,
    danke für Deine Offen­heit und Deinen Mut Deine Geschichte mit uns zu teilen. “Hin­ter der Angst liegt die Frei­heit, der Weg führt mit­ten hin­durch.” Genau so ist es!
    Alles Liebe
    Annette

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