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Wie ich meine Kinder geboren habe und was das mit Sexualität zu tun hat.

Foto: privat

Zum Welt­frauen­tag habe ich mir einen alten Blog­text von mir durchge­le­sen und war sehr bewegt und auch stolz auf mich und das, was mein Kör­p­er ver­mag. “Schade, der Text passt nicht auf meine Home­page.” dachte ich. “Aber warum eigentlich nicht?” — über­legte ich dann.
Ein Phänomen, dem ich in mein­er Arbeit immer wieder begeg­ne, ist, dass Repro­duk­tion und Sex­u­al­ität ab dem Zeit­punkt der Empfäng­nis als kom­plett getren­nte Vorgänge im Kör­p­er der Frau behan­delt wer­den. So kommt es zum Beispiel, dass die Vagi­na plöt­zlich “Geburt­skanal” heißt, wenn ein Kind hin­durch soll. Als ich neulich für ein Sem­i­nar eine Ani­ma­tion suchte, in der zu erken­nen ist, wie der Geburtsvor­gang in den weib­lichen Sex­u­alor­ga­nen abläuft, kon­nte ich keine find­en. Dafür ent­deck­te ich u.a. ein amerikanis­ches Video zur Pati­entin­nen-Infor­ma­tion, in dem an Stelle der Vul­va nur ein geschlecht­slos­es Loch geze­ich­net ist.
Als ich mir meinen alten Text daraufhin noch mal durch­las, wurde mir klar, dass alles, was mir bei den Geburten mein­er Kinder geholfen hat, auch für Sex­u­al­ität wichtig ist. Aber lest selb­st und schreibt eure Mei­n­ung dazu gerne in die Kom­mentare:

Eine Geburt sollte nicht dem Selbstwertgefühl dienen.

Das mache ich nie wieder, das schwöre ich euch!“ waren meine Worte, als ich vor fast vierundzwanzig Jahren nach drei Tagen Wehen­schmerzen im Kranken­haus lag und die Geburt ein­fach nicht voran ging. Die junge Hebamme sah mich rat­los an. Sie ahnte wohl schon, was ich noch keine Sekunde in Betra­cht gezo­gen hat­te: Dieses Kind würde auf dem OP-Tisch zur Welt kom­men.

Mein Mann hat­te bere­its ein Kind, als wir uns ken­nen lern­ten und ich nach drei Monat­en schwanger von ihm wurde, ein beza­ubern­des, fün­fjähriges Mäd­chen, das ich vom ersten Augen­blick an mochte. Die Mut­ter hat­te sich drei Jahre zuvor von ihm getren­nt, die bei­den sahen sich aber fast täglich und betreuten die gemein­same Tochter im wöchentlichen Wech­sel. Er fragte mich, ob ich mir vorstellen könne, das Kind zu Hause zu bekom­men, so wie es auch bei sein­er Erst­ge­bore­nen geplant gewe­sen war. Ich war Mitte 20 und hat­te mir als Stu­dentin der Poli­tik­wis­senschaft noch nie Gedanken übers Kinderkriegen gemacht. Aber ich sah auch keinen Grund, es nicht zu ver­suchen. Außer­dem wollte ich ihn nicht ent­täuschen, nach­dem schon beim let­zten Mal wed­er der Ver­lauf der Geburt noch der Beziehung seinen Wün­schen entsprochen hat­te. Wir sucht­en und fan­den Luise, eine erfahrene Hebamme, die mich im Wech­sel mit der Frauenärztin betreute.

Die Schwanger­schaft ver­lief ohne Kom­p­lika­tio­nen und ich ver­brachte meine Tage in der Bib­lio­thek und am Schreibtisch, um die let­zten Scheine für das Studi­um zu machen. Vier Wochen vor dem errech­neten Ter­min ließ ich es gut sein und beschloss, die let­zten Wochen dafür zu nutzen, mich auf das bevorste­hende Ereig­nis vorzu­bere­it­en. Einen Tag später gin­gen die Wehen los. Senkwe­hen, dachte ich. Wir gin­gen eine kleine Erstausstat­tung kaufen, Hemd­chen, Stram­pler, Jäckchen. Eigentlich war ja noch alles da, aber etwas Neues wollte ich doch gerne haben. Ich saß auf einem Hock­er in dem Laden und ließ mir die winzi­gen Sachen zeigen. Es war alles so unwirk­lich. Und die Wehen hörten nicht auf. Die Hebamme kam vor­bei und ver­ließ mich mit dem Ratschlag, viel zu laufen und Trep­pen zu steigen. Das tat ich. Nach­dem ich den ganzen, lan­gen Win­ter durch meinen Bauch unter dick­en Pullis und Jack­en ver­steck­en musste, war plöt­zlich der Früh­ling da und lief in Latzhose und T‑Shirt Runde um Runde mit meinem Mann durch das Vier­tel und durch das Trep­pen­haus. An diesem Tag und am näch­sten Tag auch. Die Wehen waren nicht stark, aber sie hörten nicht auf. Abends über­gab ich mich und wir zogen uns ins Geburt­sz­im­mer zurück. Es schien voran zu gehen.

Diese Nacht ver­brachte Luise bei uns im Hochbett des Kinderz­im­mers, doch die Wehen blieben schwach. Ich war müde und erschöpft, aber entschlossen, durchzuhal­ten. Am näch­sten Tag sagte die Hebamme, wir müssten ins Kranken­haus, sie könne es nicht ver­ant­worten, die Haus­ge­burt fortzuset­zen. Mein Mann pack­te eine Tasche für mich und legte die Erstausstat­tung dazu. Ich weinte. Ich erin­nere mich nur noch schemen­haft an den weit­eren Ver­lauf. Ich hat­te eine pri­vate Zusatzver­sicherung und es kommt mir vor, als hätte ich im Stun­den­takt Ärzten die Hand schüt­teln, die Beine für schmerzhafte Unter­suchun­gen öff­nen und irgendwelche Ein­ver­ständ­nis­erk­lärun­gen unter­schreiben müssen. Die Schicht­en wech­sel­ten, die Schmerzen blieben. Wehen­tropf, Bade­wanne, Warten.

Noch eine Nacht. Mein Mann schlief auf ein­er Matratze im Zim­mer. Am näch­sten Tag eine PDA, der Mut­ter­mund war offen, aber das Kind guck­te in die Sterne statt in den Geburt­skanal und rührte sich nicht von der Stelle. Ich war nach drei Nächt­en ohne Schlaf unendlich erschöpft und kon­nte mir nicht vorstellen, wie das alles jemals zu einem Ende kom­men sollte. Am späten Vor­mit­tag nah­men sie vom Köpfchen des Babys Blut ab und stell­ten fest, dass es nicht mehr genug Sauer­stoff bekam. Ein Arzt sprach das Wort Sec­tio aus und alle nick­ten bek­lom­men und ein biss­chen erle­ichtert. Ich war fas­sungs­los. Ich weiß nicht, was ich gedacht habe, aber daran hat­te ich nicht gedacht. Nicht einen Augen­blick.

Ich wollte nur noch in Ruhe gelassen wer­den und heulen, aber jet­zt ging alles ganz schnell: Wieder ein paar Zettel unter­schrieben, dann wurde die PDA aufge­füllt und meine Liege in den OP geschoben. Kaltes Met­all an meinem Rück­en, ein Sichtschutz vor meinem Bauch, die Ärzte unter­hiel­ten sich über den Marathon, dessen Route am Kranken­haus­park ent­lang führte. Ich wurde hin und her geruck­elt und hörte die Instru­mente klap­pern, aber ich sah und fühlte nichts. Dann hörte ich „12 Uhr 46 – ein Mäd­chen!“ und sah durch einen Trä­nen­schleier ein ver­schmiertes Bün­del, das meinem Mann in die Hände gedrückt wurde. Zit­ternd vor Kälte und schluchzend lag ich auf dem OP-Tisch und wartete darauf, dass nach und nach alle Gewebeschicht­en wieder miteinan­der vernäht waren. Dann wurde ich auf einen leeren Gang geschoben.

Wo war mein Kind? Meine Stimme war schwach und rau vom Weinen, nie­mand hörte mich. Das kon­nte alles nicht wahr sein. Es war Son­ntag, da war das Per­son­al knapp im Kranken­haus. Ich kon­nte mich nicht bewe­gen, die PDA wirk­te noch und ich lag eine Ewigkeit hil­f­los auf diesem Flur, bis zufäl­lig jemand eine Tür öffnete und die einzi­gen Worte hörte, die ich noch denken kon­nte: „Wo ist mein Kind?“. Als meine kleine Tochter endlich auf mein­er Brust lag und mich neugierig ansah, kon­nte ich die Augen nicht mehr offen hal­ten. Ich hat­te mich völ­lig ver­aus­gabt, um an einem Geburtsver­lauf festzuhal­ten, der für mein Selb­st­wert­ge­fühl von zu großer Bedeu­tung war.

Was ich brauchte, war eine Frau, die an mich glaubt.

Es hat lange gedauert, bis die Narbe von dieser Geburt ver­heilt war und noch länger, bis ich den Mut fand, meinen Schwur zu brechen und ein zweites Kind zu bekom­men. Fünf Jahre später fühlte ich mich sicher­er in mein­er Ehe und in mein­er Rolle als Patch­work­mut­ter. Ich wollte gerne wieder eine Haus­ge­burt machen und zwar im Wass­er, denn die Zeit­en, die ich in der Bade­wanne ver­bracht hat­te, waren die, an die ich die besten Erin­nerun­gen hat­te. Ich suchte eine Hebamme, die bere­it war, mich dabei zu unter­stützen und ich fand Gabriele. Sie sagte mir, dass es keinen Grund gäbe, warum ich mein Baby nicht zu Hause auf die Welt brin­gen kön­nte. Das war genau das, was ich damals gebraucht habe: Eine Frau, die an mich glaubt. Ich habe die Schwanger­schaft genossen und meine Tochter eben­falls. Wenn Gabriele für die Vor­sorge­un­ter­suchun­gen zu uns nach Hause kam, stand sie eifrig neben der Toi­lette, um die Urin­test­streifen in Emp­fang zu nehmen und lauschte mit leuch­t­en­den Augen auf die Herztöne ihres zukün­fti­gen Geschwis­terchens. Ihr Arztkof­fer sah bald aus wie eine Hebam­men­tasche und stolz erzählte sie allen – von der Erzieherin bis zur Inhab­erin ihres Lieblingsspielzeugladens – wie die Babys in den Bauch und wieder raus kom­men.

Drei Wochen vor dem errech­neten Ter­min began­nen die Wehen, waren und blieben aber einen Tag lang schwach. Ich hat­te Angst, dass sich alles wieder­holen kön­nte, aber ich wusste auch, was ich dies­mal anders machen würde: Ich würde früher eine Entschei­dung tre­f­fen. Mor­gens kam Gabriele und gab mir ein Aro­maöl, um die Wehen zu stop­pen und beruhigte mich. Ich füllte die Wanne mit heißem Wass­er und der Ölmis­chung und kaum hat­te ich mich hine­in­gleit­en lassen, wur­den die Wehen kräftiger. Zum Glück hat­te ich das Tele­fon in Reich­weite gelegt. Mein Mann been­dete sofort seine Arbeit und machte sich auf den Heimweg. Die Hebamme kam kurz nach ihm. Sie räumten den Esstisch aus der Küche, hängten die Fen­ster ab und stell­ten das große Plan­schbeck­en in die Mitte, das wir aus Spaß am Vortag schon mal aufgepumpt hat­ten. Als es mit warmem Wass­er gefüllt war, stieg ich hinein und fühlte mich großar­tig. Die Press­we­hen began­nen und eine halbe Stunde später war unser Sohn bei uns. Im sel­ben Moment ging die Tür auf und meine Tochter kam here­in, an der Hand mein­er Fre­undin, die während der let­zten Stun­den für sie da gewe­sen war. Ich werde nie vergessen, wie ich anschließend im Wohnz­im­mer auf dem Sofa gele­gen habe, das nack­te Neuge­borene auf meinem Bauch unter Tüch­ern und Deck­en, mein Mann, meine Tochter, meine Hebamme, meine Fre­undin um mich herum und einen Schluck Sekt getrunk­en habe. Ich kon­nte kein Wort sagen. Ich war so glück­lich.

Ich wollte es allen Recht machen.

Sechs Jahre später war ich wieder schwanger, inzwis­chen war ich 39 und wir waren aufs Land gezo­gen. Ich wollte alles genau so machen wie beim let­zten Mal, aber lei­der wohnte ich jet­zt außer Reich­weite mein­er ver­traut­en Hebamme. Sie emp­fahl mir ihre Kol­le­gin Mar­ti­na und gemein­sam planten wir wieder eine Haus­ge­burt im Wass­er, dies­mal mit einem richti­gen Geburts­beck­en, ein­er wun­der­vollen ovalen, auf­blas­baren Wanne. Ich fand die Schwanger­schaft ungle­ich anstren­gen­der als die vor­ange­gan­genen, anson­sten lief alles ohne beson­dere Vorkomm­nisse. Um mich sicher­er zu fühlen, ließ ich eine aufwändi­ge Ultra­schal­lun­ter­suchung machen. Aus medi­zinis­ch­er Sicht sprach nichts gegen eine Haus­ge­burt. Der einzige Streß­fak­tor war der errech­nete Ter­min, denn er lag mit­ten in ein­er Klassen­reise unser­er großen Tochter. Sie wollte gerne wieder bei der Geburt dabei sein und wir haben diesen Wun­sch gegen den Willen der Schule unter­stützt. Dafür haben wir eine Menge Kri­tik und Ärg­er in Kauf genom­men.

Zwei Tage vor Beginn der Klassen­reise (und zwei Wochen vor dem errech­neten Ter­min) gin­gen die Wehen los und ich jubilierte, denn alles schien per­fekt zu passen: Ein Tag für die Geburt, ein Tag, um uns als Fam­i­lie mit drei Kindern neu zu erleben – und dann die Abreise. Stattdessen blieben die Wehen über zwei Tage schwach und der Mut­ter­mund öffnete sich nur min­i­mal. Wir gin­gen stun­den­lang spazieren, Runde um Runde mit der Stop­puhr in der Hand durch Wälder und Felder, doch sobald wir das Haus betrat­en, wur­den die Abstände zwis­chen den Wehen wieder gröss­er. Ich fühlte mich unter Druck, die Geburt in einem ide­alen Zeit­fen­ster über die Bühne zu brin­gen, um allen Wün­schen gerecht zu wer­den.

Eine Nacht schlief die Hebamme bei uns auf der Couch, am zweit­en Abend fuhr sie nach Hause. Ich kon­nte nicht schlafen, denn die Schmerzen wur­den von Stunde zu Stunde stärk­er. Als ich meinen Mann endlich weck­te, schaffte ich es ger­ade noch die Treppe runter in das Zim­mer, das ich für die Geburt vor­bere­it­et hat­te. Sobald ich mich im Vier­füßler auf den Futon sinken ließ, platzte die Frucht­blase. Ich hielt meinen Mann davon ab, das Wass­er im Geburts­beck­en aufzuwär­men, da ich schon das Köpfchen am Damm spürte. Er kni­ete sich hin­ter mich – am Handy Mar­ti­na, die mit dem Auto auf dem Weg zu uns war – und nach ein paar Press­we­hen kam unsere Tochter mit den ersten Strahlen der Mor­gen­sonne — noch vor der Hebamme. Mein Mann weck­te die Kinder, damit sie ihr Geschwis­terchen begrüßen kon­nten. Zwei Stun­den später lag ich immer noch eingekuschelt zwis­chen Kissen und Deck­en mit dem Baby auf dem Futon, während mein Mann unsere große Tochter zum Tre­ff­punkt für die Abreise zur Klassen­fahrt brachte und mein Sohn sich Bade­hose und Taucher­brille anzog, um eine Runde durch das Geburts­beck­en zu schwim­men.

Am wichtigsten war das Vertrauen in mich selber.

Diese drei Geburten waren so unter­schiedlich, wie meine drei Kinder es sind. Viele Fak­toren haben dazu beige­tra­gen, dass sie so abge­laufen sind, wie ich es beschrieben habe. Aber der wichtig­ste Fak­tor für mich war das Selb­stver­trauen. Was ich als Frau und als (wer­dende) Mut­ter gebraucht habe, war Ver­trauen in mich sel­ber, in meinen Kör­p­er und meine Urteils­fähigkeit. Was ich nicht gebraucht habe, waren Unsicher­heit, Selb­stzweifel und Men­schen, die sich ange­maßt haben, bess­er zu wis­sen, was ich denken, fühlen oder tun sollte, als ich sel­ber.

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