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Eine Lanze für die Lust
1. Mai 2017
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Wie meine Yoni meine Freundin wurde

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Foto: Claudio Ahlers

Tantra bedeutet „Ver­bun­den­sein“, mit sich sel­ber, mit dem eige­nen Kör­p­er, mit einem anderen Men­schen. Aber für mich war Sex­u­al­ität lange vor allem ein Mit­tel, um meinem Kopf zu entkom­men, um für einen Moment zu vergessen, wer ich bin. Dazu brauchte ich starke Reize von außen, am besten funk­tion­ierten One-Night-Stands. Sex in Verbindung mit Liebe – das ging nie lange gut. Ich wollte mich nicht verbinden, ich wollte weglaufen. So ver­brachte ich also ein Leben im Exil, außer­halb von mir sel­ber.

Eine Leben­skrise und starke Depres­sio­nen führten mich schließlich in ein Tantra­mas­sage-Sem­i­nar. Bevor wir die Intim­mas­sage erler­nen durften, wurde die Gruppe nach Geschlechtern getren­nt und die Aus­bilderin begrüßte uns Frauen mit einem gewin­nen­den Lächeln zum „Yoni*-Talk“. Wir soll­ten ein Yoni-Mod­ell aus Plüsch vor unseren Unter­leib hal­ten, sie mit dem Satz „Ich bin die Yoni von …“ vorstellen und dann erzählen lassen, wie es ihr geht, wie sie sich fühlt und was sie in ihrem Leben schon erlebt hat. Ich bin son­st sel­ten um Worte ver­legen, aber dazu fiel mir beim besten Willen nichts ein. Stattdessen fühlte ich ufer­lose Trau­rigkeit in mir auf­steigen. Ich reichte das rote Plüschteil erst mal weit­er und hörte zu, was die anderen Yonis zu sagen hat­ten. Der Effekt war bemerkenswert: Die Frauen klan­gen ganz anders als son­st. Manche mäd­chen­haft, einige trau­rig, wenige stolz. Als ich schließlich an die Rei­he kam, war mein Blick starr auf den Boden gerichtet, während ich mit stock­ender, brüchiger Stimme ein biss­chen von gar nichts sprach, denn meine Yoni schien stumm zu sein. Kein Wun­der: Ich hat­te sie nie zuvor gefragt, wie es ihr geht und was sie von dem hält, was so mit ihr passiert.

Ich kon­nte nicht mal weinen, so erschüt­tert war ich. Da saß ich, eine Frau von 45 Jahren, die drei Kinder geboren hat­te und in mir brach alles zusam­men, wie ein Karten­haus. Schla­gar­tig wurde mir klar, dass ich keine Ahnung hat­te. Ich wusste gar nichts, nicht über meinen Kör­p­er, nicht über meine Sex­u­al­ität, nicht über meine Yoni. Das alles war immer nur Mit­tel zum Zweck gewe­sen, Objekt, nicht Sub­jekt. Ich hat­te es benutzt und ich hat­te es benutzen lassen. Ich wusste nicht, was meine Yoni mochte, was sie sich wün­schte und was sie brauchte, wie es sich anfühlte, wenn es ihr gut ging. Ich hat­te keinen Maßstab dafür, keine Bezugs­größe. Nie­mand hat­te mir das beige­bracht, nie­mand hat­te danach gefragt und das Schlimm­ste war, dass ich sel­ber nie nach ein­er Antwort gesucht hat­te. Ich hat­te viel zu oft andere über sie bes­tim­men und entschei­den lassen. Ich war nicht mal auf die Idee gekom­men, dass mein Kör­p­er eine eigene Stimme hat und eine eigene Wahrheit.

Das Sem­i­nar ging weit­er und wir fin­gen an, Yon­i­mas­sagen zu bekom­men und zu geben. Ich weinte viel. Meine Yoni begann, sich mir mitzuteilen und ich hörte zu. In den kom­menden zwölf Monat­en set­zte ich die Tantra­mas­sage-Aus­bil­dung fort, begann par­al­lel die Aus­bil­dung in Frauen­mas­sage und Sex­u­al­coach­ing für Frauen bei Nhanga Grunow und assistierte bei Sem­i­naren. Ich lernte viel, ich war viel unter­wegs, aber ich nahm mir auch Zeit für Med­i­ta­tio­nen und dafür, ein­fach meine Hände auf meine Yoni zu leg­en und in sie hinein zu spüren. Sie wurde mein Kraftort, mein Ruhe­p­ol, mein Tem­pel. Zum ersten Mal seit langer Zeit war ich psy­chisch sta­bil.

Aber ich spürte auch, dass es etwas gab, wovor ich Angst hat­te, was ich ver­mied. Ich brauchte das sichere Umfeld der Tantrasem­inare, um mich auf Berührun­gen einzu­lassen und in die Tiefen mein­er Lust zu gehen. Bei dem Orgas­mus­train­ing für meine Aus­bil­dung blieb ich dort, wo ich mich sich­er fühlte, an der Per­le, und um intime Kon­tak­te zu Män­nern machte ich einen großen Bogen. Ich spürte, dass da irgend­wo noch viel mehr war, aber die Schwelle dazwis­chen erschien mir wie die Mauer eines Stau­dammes und ich befürchtete fort­ge­spült zu wer­den, wenn ich sie öffnete. Es ging nicht nur um Lust, es ging um Gefüh­le, um die emo­tionale Dimen­sion mein­er Sex­u­al­ität und ich traute nie­man­dem zu, damit umzuge­hen, schon gar nicht mir sel­ber.

Aber meine Yoni ver­langte danach. Je weit­er ich in meinen Aus­bil­dun­gen fortschritt, je mehr ich anderen gab, was sie braucht­en und es mir sel­ber voren­thielt, desto ärg­er­lich­er wurde sie, das zeigte sie mir deut­lich. Sie wollte sich ent­fal­ten, sie wollte auf­blühen, sie wollte, dass ich für sie sorgte und irgend­wann war ich reif dafür. Als ich mit einem sehr erfahre­nen Kol­le­gen und guten Fre­und zum Mas­sage­tausch verabre­det war und er mich beim Vorge­spräch nach meinen Wün­schen fragte, nahm ich all meinen Mut zusam­men und bat ihn um eine aus­giebige Yon­i­mas­sage.

Er legte seine warme Hand auf meinen Rück­en und set­zte mit einem einzi­gen schwungvollen Strich meine Wirbel­säule in Flam­men. Ich war wie eine Geige, die zum ersten Mal so gespielt wird, wie sie gespielt wer­den will, die zum ersten Mal ihr ganzes Stimm­spek­trum ent­fal­ten kann. Ihr Klang war voll und satt, müh­e­los schwang sie sich von Höhe zu Höhe und ver­lor keine Sekunde den Halt. Als er zur  Yon­i­mas­sage kam, hielt er sich kaum an der Per­le auf, son­dern betrat schon bald meinen Tem­pel. Es war, als hätte dort ein Sym­phonieorch­ester auf seinen Ein­satz gewartet.

Ich erkan­nte mich nicht wieder. Ich hörte auf zu zählen, ich küm­merte mich nicht um den Lärm, den ich machte, die Sturzbäche, die aus mir sprudel­ten, den Schweiß, der mir herunter rann, die Bewe­gun­gen, die mein Beck­en vollführte, das but­terige Gefühl in meinen Gliedern, die Glut in meinem Kopf, die Hitze in mein­er Brust.Was er da aus mir her­ausholte war mir fremd und doch kam es direkt aus meinem Inner­sten, es gehörte mir. Ich war ganz und gar ich, so wie ich irgend­wann mal gedacht war, so wie ich auf die Welt gekom­men bin: Pure Energie, ein Feuer­ball, ein Wasser­fall, ein Tor­na­do, durch und durch Frau. Meine Yoni war in ihrem Ele­ment, so viel war klar. Ich fing nicht an zu weinen, ich kam nicht in irgendwelche Prozesse, ich fühlte mich ein­fach nur eksta­tisch, frei und stark. Noch Stun­den später vib­ri­erte jede Zelle in mir und ich fand keine Worte um ihm zu danken, dass er mir gezeigt hat­te, wer ich bin, dass er mir geholfen hat­te, mich mit mein­er Yoni zu verbinden.

Mein Leben wurde mein Leben, als ich mir meinen Körper zu eigen machte

Es war wie ein Befreiungss­chlag, als hätte ich eine Schall­mauer durch­brochen. Eine Woche später hat­te ich nach sehr langer Zeit wieder Sex mit einem Mann. Ich hat­te keine Angst mehr, ich wusste, dass ich nichts mehr falsch machen kon­nte, denn meine Yoni und ich waren Fre­undin­nen. Ich ver­traute ihr und ich ver­traute mir, denn das, was gut und richtig für sie ist, ist auch gut und richtig für mich.

Mein Leben wurde mein Leben, als ich mir meinen Kör­p­er zu eigen machte. Ein halbes Jahr später war ich Gesund­heit­sprak­tik­erin für weib­liche Sex­u­al­ität. Im Som­mer darauf ließ ich pro­fes­sionelle Fotos von mein­er Yoni machen, denn mit ihr hat­te alles ange­fan­gen.

 

*Das Wort „Yoni“ stammt aus dem indis­chen San­skrit und beze­ich­net den gesamten weib­lichen Intim­bere­ich, also auch die Eier­stöcke und die Gebär­mut­ter. Weit­ere Bedeu­tun­gen sind „Quelle“, „Ursprung“, „Ruhe­p­latz“. Ich mag diesen Aus­druck sehr, denn er ist frei von den Kon­no­ta­tio­nen unser­er All­t­agssprache und drückt viel Wertschätzung aus.

 

2 Kommentare

  1. C. sagt:

    Liebe Han­na,
    was soll ich sagen? Ich sitze vor dem PC, habe ger­ade diesen Artikel gele­sen und sitze hier in Trä­nen und eine innere Stimme sagt mir “ja, hier bei mir ist es ger­ade genau­so wie es bei Dir war , als Dein Karten­haus zusam­men­brach, und bei ganz vie­len anderen Frauen ist es sich­er auch genau so und es ist so an der Zeit, dass sich das ändert und das ALLE Mäd­chen auf der Welt ler­nen, sich schon als Kind so mit ihrer Yoni eins zu fühlen, wie Du es jet­zt (erst) tust” und wir Frauen auch, denn erst dann nehmen wir unsere Kraft wirk­lich zu uns und sie fliesst in uns und durch uns.
    Ich habe zwei Kinder, Jungs, und die verbinden sich mit ihren Penis und fassen ihn an wann immer es geht, weil es ihnen gut tut, ganz intu­itiv, seit­dem sie wis­sen, dass es sich gut anfühlt, wenn sie ihn anfassen und sich mit ihm verbinden, es ist ganz natür­lich für sie und selb­stver­ständlich, seit­dem sie keine Windeln mehr tra­gen.

    • Hanna sagt:

      Liebe Clau­dia,
      ja, genau darum geht es! Diese Selb­stver­ständlichkeit, uns mit unserem Kör­p­er und sein­er Kraft zu verbinden, die soll­ten wir uns zurück holen!

      Lieben Gruß,
      Han­na

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