Splitterfasern 3: Körperglück
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Splitterfasern 4: Frei. Neugierig. Lustvoll.

Nie gedacht, dass es so viel Spaß macht, als mittelalte Frau loszuziehen.

Stand im Moment: 

Leben — das set­zt ja auch den Rah­men für Sex­u­al­ität.

Ich bin seit 2 Jahren getren­nt. Die zwei Jahre davor waren bere­its schwierig und ich habe viel ver­sucht, die Beziehung noch zu ret­ten, so dass die Tren­nung für mich keine Katas­tro­phe, son­dern befreiend ist. Mein All­t­ag ist geprägt von der Ver­ant­wor­tung für meine zwei Kinder, 13 und 4 Jahre,  in Kom­bi mit einem her­aus­fordern­den Beruf, der super span­nend ist, aber auch fordert und harte Arbeit­szeit­en mit sich bringt. Hier in diesem Land ist Vol­lzeit Stan­dard, daher gibt es gute Kinder­be­treu­ung, ich arbeite 75%. Aber alles in allem bleibts anstren­gend, von Mo. bis Fr. alleine für die Kinder und das Haus und den Beruf ver­ant­wortlich zu sein.

Ich ver­misse ein wenig Ver­rück­heit und Spass und Sex.

Seit let­ztem Jahr möchte ich sex­uell wieder auf Ent­deck­ung gehen, habe Lust auf Sex und Berührung und seit Mai schaue ich wieder rechts und links und steige langsam, mit Worten und bish­er ohne Tat­en, in Online-Dat­ing ein.  Jet­zt zur Zeit hätte ich Lust auf Sex­u­al­ität ohne eine klas­sis­che feste Beziehung — da ver­lässt mich grad die Sprache, denn jeglich­er Sex ist ja ein in Beziehung treten. Ich habs online so for­muliert: 

Light­ness, laugh­ter, feel­ings and respect. Reach­ing out. Find­ing out. Dis­cov­er­ing. Dar­ing. Hav­ing a good time, from time to time. No, that does­n’t trans­late into dif­fer­ent sex part­ners on a dai­ly basis. Nor does it exclude occa­sion­al sex. Just that I am in this stage not into that whole “for­ev­er after and a house on top” and real­ly look­ing for­ward to occa­sion­al­ly hav­ing a great time togeth­er.

Ich bin eine selb­st­be­wusste, sex­pos­i­tive Fem­i­nistin, het­ero. Ger­ade das Fem­i­nistin-sein hat meine Sex­u­al­ität, Kör­per­wahrnehmung, Beziehungsleben stark geprägt und bee­in­flusst. 

Jet­zt:

Ich bin bei mir, in dem was ich tue und bin. Ich mag mich und meinen Kör­p­er. Je nach Zyk­lus hab ich 2–5x die Woche Lust auf Selb­st­be­friedi­gung. 

Ich hab Lust auf Sex, bin aber wäh­lerisch und möchte lieber gut hin­schauen und in Dia­log gehen bevor ich mit wem-auch-immer sex­uell aktiv werde. Will sgen: Ein­fach in der Bar mit irgend­je­man­dem angetrunk­en nach Hause: Nee. Ein Online-Date tre­f­fen, reden, dann ins Bett, joah, why not. Ein Woch­enende mit sex­pos­i­tiv­en Men­schen, z.B. Tantra und mit unter­schiedlichen Leuten Sex haben — why not. Lieber Zeit lassen, nichts über­stürzen, es eilt nicht.

Kör­p­er:

Ich mag mich. Ich mag meinen Kör­p­er. Ich bin nicht der Men­sch, der ewig einen auf Selb­stop­ti­mierung macht, andere Beine, Bauch, Brüste will. Ich bewege mich gerne. Mein Kör­p­er funk­tion­iert super gut — und ich erwarte das irgend­wie auch von ihm und widme ihm wenig Aufmerk­samkeit. 

Ich habe eine aus­geprägte Kör­per­wahrnehmung — das merke ich, wenn ich bei der Osteopathin oder Masseurin bin und auch fein­ste Fein­heit­en spüre und platzieren kann. 

Berührun­gen im All­t­ag:

Kuscheln mit den Kindern. Min­destens 1x im Monat Mas­sage bei der Phys­io­ther­a­peutin, Behand­lung bei der Osteopathin — zum Stress­ab­bau, für den Rück­en, aber auch für Berührung. 

Gesund­heitlich habe ich zur Zeit eine frauen­typ­is­che Baustelle: Beck­en­bo­den und Blas­eninkon­ti­nenz. Ich will in Ruhe raus find­en, warum sie da ist, was die Aus­lös­er sind und was es für Wege gibt, sie zu behan­deln. Eine leichte Inkon­ti­nenz habe ich seit Kinderta­gen. Ver­stärkt nach den zwei Geburten und je nach Zyk­lusta­gen. Das wurde stets nur auf “schwach­er Beck­en­bo­den” und “mach mal brav Übun­gen” reduziert. Nee. Glaub ich nicht so ganz. 

Beck­en­bo­den und Musku­latur kön­nte bess­er sein. Hat aber nie neg­a­tive Auswirkun­gen bei Sex gehabt oder in irgen­dein­er Form, die ich wahrgenom­men hätte, meine Sex­u­al­ität oder Orgas­men bee­in­flusst. 

Ich habe bewusst mein Leben lang nicht hor­monell ver­hütet. Zunächst Kondome/ Diaphrag­ma, dann Kupferspirale/ Kupfer­kette. Ein kurz­er Aus­flug zur Hor­mon­spir­ale und in diese Leben­sphase fiel eine Depression/ Burnout, weswe­gen ich danach weit­er kon­se­quent hor­mon­frei unter­wegs bin. 

Zwei Kinder.

Bei­des klin­isch als “schwere” Geburten gela­belt, aber als selb­st­bes­timmt erlebt.  ***1 Zan­genge­burt, großer (gut ver­heil­ter) Damm­schnitt, ange­broch­en­er Steiss. ***2 zuerst natür­lich pro­biert, dann Kaiser­schnitt (wg. nach innen verknöchertem Steiss). Eine frühe Fehlge­burt (ca Woche 6), einen Abbruch. 

Keine Gewal­ter­fahrun­gen in punc­to Sex­u­al­ität. Die “üblichen” Über­griffe, die so gut wie alle Frauen erleben. Wenn auch nur sel­ten — uner­wün­schte Hand auf dem Arsch, ältere Kinder, die uns befum­melt haben.

Geschichte / Fam­i­lie:

Ich bin bis in die Pubertät Einzelkind ein­er allein­erziehen­den Mut­ter gewe­sen. Ein klein­er, eng auf sich bezo­gen­er Frauen­haushalt. Sex­u­al­ität war/ ist wenig präsent in mein­er protes­tantis­chen Mit­telk­lasse-Fam­i­lie. In mein­er Eltern­gener­a­tion war es ein Tabu, darüber zu reden. Davon hat meine Mut­ter ver­sucht, sich zu befreien, aber Sex­u­al­ität war sel­ten bei uns ein The­ma. Da wir so eng aufeinan­der angewiesen waren, habe ich nicht gerne von ihr gel­ernt, insofern habe ich sie zu Sex­u­al­ität nicht gefragt.

Mein biol­o­gis­ch­er Vater ist seit Kleinkindzeit­en nicht präsent gewe­sen.

Meine Mut­ter hat­te Beziehun­gen, die ich als Kind “aus dem Augen­winkel” erlebt habe, bevor sie vor 30 Jahren ihren heuti­gen Mann ken­nen gel­ernt hat, den ich sehr schätze. (Männliche) Vor­bilder und Men­toren habe ich v.a. in den 18–30jährigen Team­ern mein­er kirch­lichen Kinder­freizeit­en gefun­den. Dort habe ich den her­zlichen Umgang, der uns in unserem Selb­st­be­wusst­sein gestärkt und Ernst genom­men hat, sehr geschätzt. Es war eine offene und respek­tvolle Jugen­dar­beit, auch in punc­to Sex­u­al­ität, nicht kör­per­feindlich oder sex­ablehnend (wie es das bei Kirchens ja auch gibt). 

Ich habe mich selb­st aufgek­lärt und zwar mit der 80er Jahre fem­i­nis­tis­chen Lit­er­atur mein­er Mut­ter. Von da habe ich ins­beson­dere mitgenom­men, nicht “gefäl­lig” zu sein, son­dern auf meine Bedürfnisse zu acht­en und sie zu respek­tieren — etwas, das mich bis heute auf allen Ebe­nen meines Lebens begleit­et. 😉 Daraus gezo­gen habe ich z.B. bere­its als Tee­nie das Wis­sen, dass Frauen jen­seits von Pen­e­tra­tion Orgas­men erleben, Kli­toris, non-het­ero Sex, Selb­st­be­friedi­gung, etc. 

Ich habe Selb­st­be­friedi­gung aus einem dieser Buch gel­ernt, mit ca 13 Jahren, zunächst in der Badewanne/ Dusche und später auch ein­fach im Bett, mit Hand. 

Ich bin/ war eher langsam in mein­er sex­uellen Entwick­lung, habe mir auch Zeit gelassen. Als Tee­nie nur wenig aus­pro­biert — meist ein­seit­ig ver­liebt, ohne das äußern/ zeigen zu kön­nen. Mit 17 Jahren eine erste Beziehung mit viel Zärtlichkeit und Pet­ting, aber wenig ziel­gerichtet auf Sex, mehr auf Kör­per­ent­deck­ung. 1–2 Urlaub­sro­manzen. Mit 19 Jahren eine span­nende Affäre mit inten­sivem sex­uellen Erleben. Mir war es aber wichtig, dass Pen­e­tra­tions-Sex so statt find­et, dass ich es auch bewusst will und es in einem Set­ting ist, das mir passt — und nicht nur dem Gegenüber. Das hat diesen Part­ner frus­tri­ert, was er auch äußerte — rück­blick­end mit ein­er unmöglichen Ansage „Ja soll ich mir das alles durch die Rip­pen schwitzen“. Im Studi­um dann noch  weit­ere kurze Beziehun­gen oder Affären. Der erste pen­e­tra­tive Sex dann entspan­nt frischver­liebt, als ich 21 war — rück­blick­end wäre es fair gewe­sen, den Part­ner auch zu informieren, dass es das erste Mal war — schön war es aber trotz­dem und die fol­gende sex­uelle Beziehung mit ihm fröh­lich, ver­spielt, ent­deck­erisch.

In den 20er Jahren dann weniger als ein halbes Dutzend sex­uelle Beziehun­gen. In der Erin­nerung war ich die meiste Zeit Sin­gle. Drei gute bere­ich­ernde Beziehun­gen, jew­eils 1–2 Jahren mit gutem gegen­seit­igem sex­uellen Ent­deck­en. 2–3 Friends with Ben­e­fits mit gutem entspan­nten Sex. Ten­den­ziell klas­sis­ch­er Sex, mit viel Vor­spiel, ver­spielt, kusche­lig. Auch mal ent­deck­erisch — anal habe ich pro­biert, weil es mich in meinen Phan­tasien inter­essiert hat, in Real­ität aber nicht. Sex war fast immer mit Orgas­men für mich, ein­er oder viele, je nach Sit­u­a­tion. Je nach Phase der Ver­liebtheit­en 1–5x/ Woche, wenn in ein­er Beziehung.

Dann 16 Jahre mit dem Vater mein­er Kinder in ein­er Part­ner­schaft. Zu unseren großen Stärken gehörte, dass wir uns viele viele Jahre sehr viel Zärtlichkeit im täglichen Umgang bewahrt haben. Wir hat­ten guten Sex, wenn auch weniger als ich mir öfter gewün­scht hätte — er sagt von sich selb­st, dass er einen eher gerin­gen Sex­u­al­trieb hat. Während der Beziehungskrisen vor sechs und die let­zten zwei Jahre wenig bis gar kein Sex und/ oder Berührung. Wenn Sex, dann lus­to­ri­en­tiert, klas­sisch. Eine span­nende gute Phase des Sex nach der Geburt mein­er Tochter, die mich damals über­rascht hat und gut tat. Er hat sich in den let­zten Jahren “an die Wand gedrückt” gefühlt, nach­dem die Kinder kamen, miese Arbeits­mark­ter­fahrun­gen gemacht, dann nichtar­bei­t­en­des Eltern­teil gewe­sen. In seinen Bedürfnis­sen negiert gefühlt, hin­te­nan gestellt. Unsere Kom­mu­nika­tion ist über lange Phasen zusam­men gebrochen. Schweigend nebeneinan­der im gle­ichen Bett geschlafen — das ist das Bild.  

Ich bin ein paar Jahre nicht mehr ver­liebt gewe­sen. Fam­i­lienbe­d­ingt auch ein­fach nicht offen gewe­sen für neue Men­schen, son­dern nicht rechts und links geschaut. Lese gerne Sexblogs. Übe mich darin, mich stärk­er nach außen zu öff­nen, mehr zu spüren, Sex­u­al­ität wieder neu zu ent­deck­en. Bin mir sich­er, dass ich am Beginn ein­er span­nen­den neuen Phase ste­he. 

Genieße es jet­zt, frei und ver­rückt zu dat­en. Wenn mir jemand gefällt, es zu zeigen. Sex zu genießen. Bei schlechtem Sex oder Igno­ranz mein­er Bedürfnisse fre­undlich gelassen auf die Tür zu weisen. Wenn ich Lust habe — und davon habe ich über­raschend viel — sofort Sex zu genießen. Offen, ver­spielt und mit viel Vergnü­gen und Lachen.

Split­ter­fasern” sind ein Blog, in dem Men­schen anonym Texte zu ihrer sex­uellen Biografie hochladen.
Die Start­seite mit der Möglichkeit zum Mit­machen find­est du hier: https://hannakrohn.de/splitterfasern/

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